Pokémon: Nur bedingt ein Reiseführer

Endlich hat die Welt einen gemeinsamen Reiseführer. Er zeigt in jeder Stadt und in jedem grösseren Dorf die Sehenswürdigkeiten – samt Bild. Und die ganze Welt fährt darauf ab. Pokémon. Pokémon? Genau: Pokémon.

Simon Dudle
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Es werden in der Region viele Brunnen beworben, wie hier in der Wiler Altstadt. (Bild: Steven Giger)

Es werden in der Region viele Brunnen beworben, wie hier in der Wiler Altstadt. (Bild: Steven Giger)

Endlich hat die Welt einen gemeinsamen Reiseführer. Er zeigt in jeder Stadt und in jedem grösseren Dorf die Sehenswürdigkeiten – samt Bild. Und die ganze Welt fährt darauf ab. Pokémon. Pokémon? Genau: Pokémon. Also jenes Spiel, in dem man sich mit dem Handy vor der Nase auf den echten Strassen bewegt, Zusammenstösse in der Regel nur knapp verhindert und auf dem Bildschirm angezeigte Monster mit virtuellen Bällen treffen muss.

Zentral sind die Poké-Stops: Sammelstellen, an denen man zum Beispiel solche Bälle erhält. Poké-Stops sind Sehenswürdigkeiten, die angezeigt werden, wenn man sich in der entsprechenden Ortschaft befindet. Doch taugen sie als Reiseführer? Ein Selbstversuch.

Kaum Zusatzinfos

Die Rundreise durch die Region beginnt in der Wiler Altstadt, wo es nur so von Sammelstellen wimmelt. Dabei sind auch auf den ersten Blick überraschende Sachen dabei. Zum Beispiel die alte Glocke unterhalb der Stadtkirche. Sie ist mit zusätzlichen Informationen versehen: Demnach stammt sie aus dem Jahr 1589 von Hans Frei aus Kempten. Ein paar Schritte weiter kann man beim «Ochse» sammeln. Zusatzinfo: «Traditions-Restaurant in wil.» Tatsächlich: Wil ist da mit einem kleinen «w» geschrieben. Aber immerhin nur mit einem l.

Weiter geht es zum Turm von Wil. Auch da ist ein Poké-Stop. Man muss nicht einmal die 189 Stufen hinaufsteigen, um die Bälle zu bekommen. Es lohnt sich, den Blick kurz vom Handy zu lösen. Zusatzinfos zum Turm findet man nicht im Spiel, sondern auf der Tafel direkt daneben. 34 Meter hoch, Treppen aus Weisstannen- und Fichtenholz, 2006 erbaut für 560 000 Franken. Alles Infos, die in der Pokémon-Welt verborgen bleiben. Auch der wunderbare Fernblick ins Toggenburg kann das Spiel nicht liefern.

Taubsi in Kirchberg

Apropos Toggenburg: In Kirchberg, der einwohnermässig grössten Gemeinde des Tals, hat es auch einige Poké-Stops. Nicht viele, aber immerhin. Beworben wird zum Beispiel der «rostige Viertelkreis» vor dem Gemeindehaus und der Spielplatz Schanzenweg mitten in einer Wohnsiedlung. Spezielle Sehenswürdigkeiten. Beim Gang an der läutenden Kirche vorbei hüpft auf dem Handy das Pokémon «Taubsi» vorbei. Zufall? Ein Steilpass für jene Leute, die in Kirchberg die aus ihrer Sicht zu lauten Glocken bekämpfen.

Weiter nach Gähwil, wo der Selbstversuch ausgesetzt werden muss, da es keine Internet-verbindung gibt. Ausser auf der Iddaburg, wo jede Station des Kreuzweges eine Sammelstelle ist. Eine Zusatzschleife zur Grotte lohnt sich nicht nur wegen des Poké-Stops, sondern auch wegen der wohltuenden Ruhe. So viel Kraft der Wallfahrtsort auch spendet: Der geleerte Akku des Handys lädt sich nicht auf. Der Energiesparmodus und das portable Ladegerät sind Gold wert.

Auch Rost in Uzwil

Kreativ waren die Spielemacher in Sirnach, wo bei zwei Brunnen gesammelt werden kann. Bei einem aus dem Jahr 1891 und einem von 1981. Weniger gelungen sind die Poké-Stops in Münchwilen. Dort wird die Gemeindebibliothek am Kreisel beworben, die allerdings in die Sutter-Villa gezügelt ist. Zudem gibt es scheinbar einen Münchwilen-Tobel-Park. Die Rede ist vom Pärkchen der Raiffeisenbank Münchwilen-Tobel im Dorfzentrum.

Kommt man mit dem Zug in Uzwil an, ist wenig los bei Pokémon. Es sind nur einige kleine Dinge wie der Spider Man auf dem Dach des Kinos oder zwei Rostfiguren in einer Seitengasse, die ins Auge stechen. Läuft man nach Niederuzwil, mehren sich die Sammelstellen. Eine grosse Auswahl findet man in Flawil, wo der Selbstversuch bei der Bahnhofsuhr beginnt und bei der Infotafel der Gemeinde vor der Migros endet.

Viele Spielplätze

Womit auch gesagt wäre: Die Pokémon-Macher sehen sich nicht in erster Linie als Reiseführer, sondern vorweisen lieber auf die Infos. Es werden viele Kirchen und Wasserplätze wie Brunnen beworben. Auch erstaunlich viele Spielplätze sind dabei. Nicht aber kommerzielle Einrichtungen. Die Angaben sind mit Vorsicht zu geniessen. Kommt man in eine neue Gegend, ist Pokémon eine gute Hilfe für eine Stadtbesichtigung, ersetzt aber nicht den Reiseführer. Es lebe die richtige Welt.