Philosophie gehört zum Alltag

Der Maturand Elias Meile aus Bronschhofen wurde soeben zum besten Jungphilosophen des Landes gekürt. Der 18-Jährige denkt gerne kritisch, am liebsten philosophiert er aber ausserhalb des Elfenbeinturms.

Roger Berhalter
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«Der Mensch funktioniert nicht nur im Kopf»: Kantischüler Elias Meile geht auch gerne klettern. (Bild: Benjamin Manser)

«Der Mensch funktioniert nicht nur im Kopf»: Kantischüler Elias Meile geht auch gerne klettern. (Bild: Benjamin Manser)

Herr Meile, Sie interessieren sich einerseits für Philosophie, anderseits maturieren Sie bald mit dem Schwerpunkt Mathematik. Wie verträgt sich das?

Elias Meile: Bestens. Mathematik und Philosophie ist eine gute Kombination. Die beiden Fachbereiche ergänzen sich stark, es gibt einige Gemeinsamkeiten.

Welche?

Meile: Da ist zum einen die logische Beweisführung, die sowohl in der Philosophie als auch in der Mathematik gefragt ist. Zum andern stellen sich philosophische Fragen, wenn man an die Wurzeln der Mathematik zurückgeht, zu den Axiomen.

Das sind die grundsätzlichen Annahmen, auf denen alle Berechnungen aufbauen. Können Sie ein Beispiel nennen, wo die Mathematik philosophisch wird?

Meile: Es gib den Grundsatz, dass sich zwei parallele Geraden nie schneiden. Das scheint plausibel, doch gibt es für diese Annahme keinen Beweis. Über solche Axiome diskutiert man im Matheunterricht nicht.

Sie kommen gerade zurück aus Luzern, wo Sie zum besten Jungphilosophen des Landes gekürt wurden. Was fasziniert Sie so an der Philosophie?

Meile: Es geht darum, nicht einfach eine vorgefertigte Meinung zu übernehmen und nachzuplappern, sondern sich ständig zu fragen: Wie sehe ich das? Stimmt das für mich?

Welche grossen Denker gefallen Ihnen?

Meile: Es ist nicht so, dass ich ständig nur Bücher lese und die Werke berühmter Philosophen auswendig lerne. Philosophie, so wie ich sie verstehe, findet nicht im Elfenbeinturm statt. Sie sollte vermehrt eine Einstellung im Alltag sein. Sich eigene Gedanken machen, mit anderen diskutieren, deren Inputs aufnehmen: So kommt man weiter.

Woher kommt diese Einstellung? Liegt das in der Familie?

Meile: Nein. Wir diskutieren zu Hause zwar oft, aber am Familientisch wird nur selten philosophiert. Ich wurde nie von aussen gepusht, und auch mein Philosophielehrer hat mich nicht für die Teilnahme an der Olympiade gedrillt.

Sie haben also von sich aus teilgenommen. Warum?

Meile: Beim ersten Mal geschah es beinahe aus Versehen. Ich hatte in einem Newsletter der Schule vom Wettbewerb gelesen. An einem freien Abend erinnerte ich mich wieder daran, schrieb einen Essay und reichte ihn eine Stunde nach Anmeldeschluss ein. Beim zweiten Mal war ich dann etwas früher dran.

Diesmal hat es auch geklappt: Sie fahren im Mai nach Estland an die internationale Philosophie-Olympiade. Werden Sie für die Schweiz den Sieg holen?

Meile: Ich erwarte nicht, dass ich gewinne. Objektiv betrachtet habe ich keine grossen Chancen, denn die Teilnehmer anderer Länder bereiten sich sehr viel gezielter auf den Wettbewerb vor. Ich freue mich vor allem darauf, das Land und die Leute dort kennenzulernen.

Werden Sie diesen Weg weitergehen und Philosophie studieren?

Meile: Ich habe ein Theologiestudium in Sinn. Ich bin ein gläubiger Mensch, Gott trägt mich. Der Glaube verträgt sich übrigens auch gut mit der Philosophie.

Wirklich?

Meile: Ja. Viele Philosophen sind zwar atheistisch, aber gleichzeitig sehr interessiert und tolerant gegenüber gläubigen Kollegen. Das Thema sorgt jedenfalls immer für Gesprächsstoff.

Sie sind ein vielseitig interessierter Mensch, engagieren sich auch noch in der Jungwacht und gehen einmal pro Woche klettern. Wie bringen Sie das alles zusammen?

Meile: Sehr gut. So habe ich immer wieder mit anderen Leuten zu tun. Ein solcher Ausgleich ist wichtig, denn der Mensch funktioniert nicht nur im Kopf.

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