Persönlichkeit mit Ecken und Kanten

In seinem 85. Lebensjahr schloss sich der Erdenkreis von Jakob Müller, der bei Freunden und Bekannten als Köbi angesprochen wurde. Eine vielseitige Persönlichkeit, die man in guter Erinnerung behalten wird.

Christian Jud
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Jakob Müller war sowohl dem Gewerbe als auch der Schule verbunden. (Bild: rro.)

Jakob Müller war sowohl dem Gewerbe als auch der Schule verbunden. (Bild: rro.)

UZWIL. In seinem 85. Lebensjahr schloss sich der Erdenkreis von Jakob Müller. Die grosse Anteilnahme zum Abschiedsgottesdienst in der evangelischen Kirche in Niederuzwil rief noch einmal in Erinnerung, dass man die vielseitige Persönlichkeit auch nach seinen spät angetretenen Ruhejahren in Erinnerung behalten hat.

Leben zielstrebig gemeistert

Köbi Müller ist der Beweis dafür, dass hierzulande auch Kinder armer Leute und ohne Guthaben den Eintritt ins Leben und dessen Fortgang zu meistern vermögen. «Ich bin in Trübbach/Wartau geboren und mit dem Nötigsten, was es zum Leben braucht, aufgewachsen mit sieben Geschwistern. In Zeitumständen, in denen Kinder nicht nach ihren Berufswünschen gefragt wurden, war meine Lebensbahn so ausgerichtet, dass mein Fortgehen vom Elternhaus ausser vom Heimweh Jugendlicher aus grossen Familien mich wenig belastete.» Daran erinnerte sich Köbi Müller bei unserem Gespräch, damals auf einer der legendären Kundenreisen der Neumühle Uzwil.

Müller wird Müller

Dass Köbi Müller seinen Traumberuf Lehrer zu werden nicht ergreifen würde, dafür setzte sich auch sein Götti Christian Müller ein, der im jungen Mann den künftigen Mitarbeiter und kommenden Geschäftsführer am damaligen Standort der Neumühle Uzwil vormerkte. «Müller braucht es mindestens so lange wie Lehrer», gab ihm der Götti als Trost mit in die Lehrzeit in der Aamühle in Flawil. Der junge Berufsmann holte sein praktisches Wissen und Können in Chur, dann in Buchs und in Winterthur. Im Jahre 1943 kam er in die Neumühle Niederuzwil, dem damaligen Standort seiner beruflichen Aufgabe, als Geschäftsführer und Aktionär. In Gesprächen erinnerte er sich: «Die Kriegsjahre waren auch für die Mühlen eine gewaltige Herausforderung, auf neue und sich immer wieder ändernde Begebenheiten hatte man sich einzustellen, und zu den Erfordernissen der Kriegswirtschaft kam auch der Militärdienst der Mitarbeiter dazwischen.»

Der neue Geschäftsführer der Neumühle pflegte in allen seinen Berufsjahren den Kontakt mit der ständig wachsenden Kundschaft, und in ungezählten Bauernfamilien sind die von Köbi Müller organisierten jährlichen Mühlereisen in bester Erinnerung. Bis zu 300 Personen nahmen an diesen zweitägigen Ausflügen mit den SBB teil, und was sich irgendwo und irgendwie als sehenswert in der Schweiz anbot, wurde während den Neumühle-Reisen besucht. Dem aktiven Patron war daran gelegen, die Wünsche und Anliegen der Kundschaft aus erster Hand zu erfahren. Der Ostschweizerische Verband der Futtermittelfabrikanten wählte ihn viele Jahre zum Präsidenten und beorderte ihn zum Getreideexperten. Massgebend war der Verstorbene bei der Planung und Ausführung des neuen Standortes der Neumühle Uzwil beim Bahnhof beschäftigt, die im Jahre 1951 in Betrieb genommen wurde. Der fachkundige Betriebsleiter entwickelte sich zum Geschäftsleiter und vom Müller zum Kaufmann und zum Präsidenten des Verwaltungsrates.

Vieles unter einem Hut

Als Köbi Müller im Jahre 1953 Helen Tschanz aus Uzwil heiratete, war der Grundstein gelegt, dass in Zukunft auch aufwendige Öffentlichkeitsarbeit auf ihn zukommen würde. Er interpretierte es damals im Vortrag beim Männer-Apéro in Niederuzwil so: «Rückblickend darf ich sagen, nicht nur überliess mir meine Frau und mit ihr auch unsere Kinder, zwei Töchter und ein Sohn, den nötigen Freiraum auch für Aufgaben in der Öffentlichkeit.» Als Mitglied der FDP Uzwil vertrat er in seinen Voten an Anlässen und Versammlungen seine liberale Gesinnung vehement.

Wunschberuf Lehrer

Spät kam er in seinem Leben seinem nicht erfüllten Wunschberuf Lehrer nahe. Im Herbst 1960 wurde er in den Sekundarschulrat gewählt, und die Wahl in den Bezirksschulrat liess nicht lange auf sich warten. Er präsidierte und prägte während zehn Jahren die alles andere als sorgenfreie Tenna-Kommission, und das alles zur Erinnerung an jene, die vorgeben, keine Zeit zu haben: Während seiner aufwendigen 45jährigen Berufstätigkeit arbeitete er zeitgleich 32 Jahre lang als Schul- und Bezirksschulrat, davon 30 Jahre als Präsident. Ein Musiklehrer, den Köbi Müller als Schulrat viele Jahre visitierte und der seinen Vorgesetzten später musikalisch unterrichtete, sagte in einem Gespräch: «Wenn Uzwil inzwischen zur Drehscheibe internationaler Aktivitäten herangewachsen ist, dann dürfen Persönlichkeiten wie Köbi Müller den Anspruch erheben, in der Pflege des Bodensatzes viel zu diesem Ansehen beigetragen zu haben.»