Performance unter Polizeiaufsicht

Die Aktion «Roter Necker» des Künstlerkollektivs ohm41 sollte auf das Asylproblem aufmerksam machen. Gestern Freitag erwuchs daraus schliesslich eine Kunstperformance unter Polizeiaufsicht.

Michael Hug
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Im Bilde: Die Hüter des Gesetzes. (Bild: Andrea Häusler)

Im Bilde: Die Hüter des Gesetzes. (Bild: Andrea Häusler)

NECKER. Blutrot sollte das Wasser des Neckers gestern das Neckertal hinunterrauschen. Drei Kilogramm Lebensmittelfarbe hätte gereicht, um den Fluss nachhaltig einzufärben. Lebensmittelfarbe schadet dem Ökosystem nicht, «man isst täglich mehr als genug davon zum Beispiel in Glaces», meinte ein Mitglied der Künstlergruppe ohm41. Dennoch sind Färbungen von Fliessgewässern, üblicherweise aus wissenschaftlichen Gründen, eine Sache, die im entsprechenden Bundesamt in Bern bewilligt werden muss. Das Färben von Flusswasser ist also verboten, auch wenn es niemandem schaden würde.

Unschädliche Farbe

Die rote, unschädliche Farbe im Necker hätte auf das Flüchtlingsproblem aufmerksam machen sollen, sagte Markus Eugster. Der Vizepräsident der Gruppe ohm41 verfasste dazu ein Manifest, in dem es unter anderm hiess: «Was ist das für eine Welt, in der Humanität und Rechte mit Füssen getreten werden? In welcher der Macht der Ökonomisierung mehr Rechte eingeräumt werden als der Macht des menschlichen Daseins!» Der Ort für die Aktion war nicht zufällig gewählt. In Necker befindet sich das Zentrum für Asylsuchende, «Neckermühle», die Aktion wurde mit dessen Leiter Bernard Hummel und Zivildienstleister Tizian Hug koordiniert. Hummel: «Mit der Aktion wollen wir auch auf das Sommerfest in der Neckermühle in zwei Wochen aufmerksam machen. Dieses jährliche Fest ist immer auch eine Begegnung verschiedener Kulturen.»

Die Augen des Gesetzes

Doch die Künstler hatten nicht mit den wachen Augen des Gesetzes gerechnet. Bestimmte, vorab informierte und eingeladene Medien gaben den Behörden Hinweise auf die Aktion. Schliesslich erfuhr auch die Polizei davon, diese erhielt vom Kantonalen Amt für Umwelt und Energie den Auftrag, die Aktion zu verhindern. Polizeisprecher Hanspeter Krüsi war vor Ort: «Wir müssen Verbote durchsetzen. Man stelle sich vor, die rote Farbe gelänge über das Grundwasser ins Trinkwasser, das würde die Bevölkerung stark beunruhigen.»

Blut an den Händen

Doch die Künstler hatten ihren Plan längst geändert: «Wir wollen keine immens hohe Busse bezahlen.»

An der Aktion hielt ohm41 aber gleichwohl fest. Man verzichtete jedoch auf das Einbringen von Farbe und setzte auf die Symbolik der Bilder. Zwei «Schlepper» liessen eine dunkelhäutige Frau in einem löchrigen Schlauchboot ins Wasser. Die beiden kümmerten sich nur scheinbar um die Frau, sie wollten vorab das Schlauchboot sicher zurückbringen. Die Frau wurde über das Wasser geschickt, sie musste die letzten Meter ins «gelobte Land» schwimmend zurücklegen. Am Ufer stand die Polizei, die aber interessierte sich nicht für den Flüchtling. Ihr Auftrag war, das Wasser sauberzuhalten. Der flüchtenden Frau wurde nicht erlaubt, zu sprechen. ohm41-Mann Stefan Kreier: «Flüchtlinge haben hier nichts zu sagen.» Rote Farbe kam dann doch noch zum Einsatz, wenn auch in bescheidener Menge. Auch hier Symbolik: Den Schleppern klebte das «Blut» an den Händen.

Die Umsetzung der geplanten Aktion, das Neckerwasser mit roter Lebensmittelfarbe einzufärben, ist letztlich ins Wasser gefallen. (Bild: Michael Hug)

Die Umsetzung der geplanten Aktion, das Neckerwasser mit roter Lebensmittelfarbe einzufärben, ist letztlich ins Wasser gefallen. (Bild: Michael Hug)