Pendler zwischen zwei Kulturen

«Wiler Persönlichkeiten», Teil 1: Ein gutes Jahr ist seit der Schliessung der altehrwürdigen Hof-Apotheke in der Wiler Altstadt verstrichen. Farouk Shawki schaffte sich als deren Inhaber während 36 Jahren viele Freunde.

Friedrich Kugler
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Während 36 Jahren war die Hof-Apotheke mit einer 180-jährigen Apotheken-Einrichtung von Farouk Shawki geführt worden. Mit der Geschäftsaufgabe verlor die Wiler Altstadt nicht nur einen einzigartigen Geschäftsmann, sondern auch eine hoch gewachsene Persönlichkeit, die in der Wiler Bevölkerung im Verlauf von Jahrzehnten ein grosses Vertrauen aufbauen konnte und sich viele Freunde schaffte.

Für Farouk Shawki und seine Frau hat sich seit dem Rückzug aus dem Geschäftsleben Ende Juni 2011 einiges verändert. Die Liegenschaft an der Kirchgasse wurde an einen Wiler Notar verkauft, war doch das Treppensteigen im schmalen Altstadthaus zu beschwerlich geworden. Das Ehepaar, das einige gesundheitliche Probleme überwunden hat, lebt heute im Neulanden-Quartier in einem für den dritten Lebensabschnitt optimalen Haus. Die ruhiger gewordenen Tage verbringt der Apotheker vor allem mit Gartenarbeiten, oder er unterstützt seine Gattin im Haushalt.

Wertvolles Kulturgut

Die geschichtsträchtige Apotheken-Einrichtung am Hofplatz blieb seit der Geschäftsaufgabe unangetastet. Farouk Shawki hofft, dass dieses wertvolle Kulturgut erhalten werden kann und der Öffentlichkeit – beispielsweise auf Stadtführungen – zugänglich bleibt. Eine Apotheke wird es dort nicht mehr geben. Die Rahmenbedingungen – so auch die kleiner gewordenen Passantenzahlen in der Altstadt – hatten sich schon während der Ära Shawki laufend verschlechtert. Farouk Shawki blickt mit einer gewissen Wehmut auf die vielen Jahre in der Hof-Apotheke zurück: «Ich habe noch nicht alles verarbeitet. Der Kontakt zu vielen Mitmenschen fehlt mir. Wenn ich an meinen früheren Arbeitsort denke, kommt in mir eine gewisse Traurigkeit auf. Umso mehr freuen mich dann Begegnungen mit ehemaligen Kundinnen und Kunden, für die ich mir immer viel Zeit genommen habe. Dass ich von diesen gelegentlich noch immer um Rat gefragt werde, ehrt mich.»

Überwintern in Ägypten

Als Inhaber der Hof-Apotheke verbrachte Farouk Shawki im Herbst jeweils zwei Wochen in seiner alten Heimat. Nach dem Schritt in den Ruhestand mit immerhin 74 Jahren «überwinterte» er 2011/12 erstmals im milderen Klima von Kairo, wo noch eine Schwester lebt. Verbunden mit seinem Geburtsland bleibt er nicht zuletzt über einen ägyptischen Fernsehsender. Über die mehr oder weniger friedlich verlaufene Revolution im Land der Pharaonen mag er sich nicht äussern: «Ich habe aus der Distanz in meinem Herkunftsland immer wieder einschneidende Veränderungen miterlebt.» Den Lebensabend wird der liebenswürdige Mann in Wil verbringen. Seine Devise lautet: «Man soll seine Herkunft nicht vergessen, aber Wurzeln dort schlagen, wo man lebt. Für mich ist die Heimat dort, wo meine Familie lebt, und das ist die Schweiz.» Der Apotheker im Ruhestand wird aufgrund des angenehmeren Klimas auch den kommenden Winter in Ägypten verbringen: «So bleibe ich ein Pendler zwischen zwei Kulturen.»

Apotheker aus Leidenschaft

Der gläubige Muslim aus einer liberalen Familie wurde in Wil auf Anhieb gut aufgenommen: «Ich habe mich nie als Ausländer gefühlt, auch wenn ich mich nie in einem Verein engagiert habe.» Der materielle Aspekt stand beim Apotheker aus Leidenschaft nie im Vordergrund. Bei ihm drehte sich alles um das Wohlbefinden seiner treuen Kundschaft, von der er immer wieder grosse Dankbarkeit ernten durfte. Als ausgesprochener Menschenfreund hat es Farouk Shawki verstanden, sich in die Seelen der Wiler Bevölkerung einzufühlen und die Herzen unzähliger Menschen zu öffnen.

In einer losen Serie porträtiert die Wiler Zeitung Persönlichkeiten aus der Stadt Wil, die sich im Ruhestand befinden. Sie zeigt auf, wie diese nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben ihren Gewinn an Freizeit nutzen und dabei zu teilweise neuen Ufern aufbrechen.