PASSION: Die Stickerin vom Ortsmuseum

Maria Weber ist das Gesicht hinter der Stickmaschine im Flawiler Ortsmuseum. Auf ihre Hände sind die Augen der Besucher gerichtet, wenn sie an den Sticktagen zur Zeitreise in die Vergangenheit aufbrechen.

Andrea Häusler
Drucken
Teilen
Maria Weber beim Einsetzen der 104 Sticknadeln. Diese hatte sie vorgängig in aufwendiger Arbeit maschinell eingefädelt. (Bilder: Andrea Häusler)

Maria Weber beim Einsetzen der 104 Sticknadeln. Diese hatte sie vorgängig in aufwendiger Arbeit maschinell eingefädelt. (Bilder: Andrea Häusler)

Andrea Häusler

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

Die alte Handstickmaschine im Keller des Flawiler Ortsmuseums kennt sie aus dem Effeff: ihre Funktionen genauso wie deren Geschichte. Zu oft hat sie hier schon gearbeitet. Öffentlich an den mehr oder weniger regelmässigen Sticktagen, aber auch ganz allein. Dann etwa, wenn der Vorrat der bestickten Karten, die den Brautleuten nach der zivilen Hochzeit im musealen Trauzimmer abgegeben werden, zur Neige geht. Oder wenn der Flawiler Weihnachtsmarkt ansteht.

Lehrmeister aus dem Toggenburg

Maria Weber ist St. Gallerin. Hier wohnt und arbeitet sie seit über 20 Jahren. Ihr beruflicher Werdegang zieht sich durch mehrere Betriebe der örtlichen Stickerei-beziehungsweise Textilindustrie. Wobei die gelernte Kauffrau nie in der Produktion, stattdessen im Export tätig war, wie sie betont. Den Umgang mit alten Handstickmaschinen hat sie von ihrem Cousin gelernt: Bernhard Hollenstein, der in Bodmen bei Dreien noch immer an der Maschine seines Vaters stickt. Während dreier Monate hatte sie sich mit Stichen, Mustern, Nadeln, Fäden und Technik auseinandergesetzt – stundenlang, bis sie jeden Handgriff beherrschte, sämtliche Maschinenfunktionen begriff. «Es ist wie beim Autofahren», sagt sie: «Man muss einfach die Abläufe intus haben.»

Das Engagement in Flawil – wo übrigens in der Hochblüte der Stickerei um 1902 nicht weniger als 452 Handstickmaschinen in Betrieb waren – ist nur ein kleiner Teil von Maria Webers heutigen Einsätzen rund um das alte Handwerk. Regelmässig anzutreffen ist sie jeweils am Donnerstag- und Freitagnachmittag im Stickereimuseum in St. Gallen: an der Handstickmaschine, wo denn sonst. Dies bereits seit fast acht Jahren. «Ich habe den besten Beruf der Welt», schwärmt sie, ergänzt dann aber nüchtern: «Von dieser Arbeit leben müssen, das wollte ich nicht.»

Tatsächlich. Das Stickerleben war seit jeher ein hartes. Früher, erzählt Maria Weber, seien die Sticker pro 100 Stiche bezahlt worden. Die Marienkäfer- und Glückskleesujets, die sie eben in Flawil fertigt, setzen sich aus rund 1500 Stichen zusammen. Kein Wunder, mussten einst die Kinder mit anpacken. Ihre Auf­gabe sei das Fädeln gewesen, sagt Maria Weber. Eine mühlselige Arbeit, die später von Maschinen wie dem Rorschacher Pionierfabrikat «Henri Levy», das im Flawiler Ortsmuseum steht, übernommen wurde. Der Fortschritt rettete die Handstickerei nicht. Sie verlor ihre Konkurrenzfähigkeit, als mit der Schifflistickmaschine die Stichpreise ins Bodenlose fielen.

Hinweis: Sticktage 2017, Sonntag, 7. Mai, 18. Juni und 3. September, 14 bis 17 Uhr