Papier duldet alles

Mit der Company Mafalda und ihrem Programm «ganz und gar wandelbar» bot der Wiler Kleinkunstveranstalter Bühne am Gleis am Sonntag einen vergnüglichen Familiennachmittag. Die Kinder gingen in ihrem Beruf auf – dem Spielen.

Carola Nadler
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Piera Gianotti und Francesco Manenti verwandeln sich in Fabelwesen. (Bild: Carola Nadler)

Piera Gianotti und Francesco Manenti verwandeln sich in Fabelwesen. (Bild: Carola Nadler)

WIL. «Wisst ihr, was ein Beruf ist?» Mit dieser Frage begrüsste Michael Fischer, Vorstandsmitglied der Bühne am Gleis, am späten Sonntagnachmittag die jüngsten Besucherinnen und Besucher, die es sich vor der ersten Stuhlreihe auf Meditationskissen bequem gemacht hatten. «Lehrer», lautete die prompte Antwort. Auch Coiffeuse und Kaminfeger. «Ja, gibt es denn auch Berufe für Kinder?», fragte Fischer. Logische Antwort: «Schüler.» Doch was ist die eigentliche Berufung der Kinder? Fischer packt einen Plastiksack aus: Würfel, ein Ball, ein Uno-Spiel, ein kleiner Teddybär: Spielen.

Spielen ist das, was Kinder am besten können und am meisten tun sollten. Des Weiteren packt Fischer eine Rolle Klebeband aus der Tüte. Ob man damit auch spielen kann? Fragendes Stirnrunzeln auf den Meditationskissen. Fischer erklärt: «Heute sind zwei Künstler hier, die ganz viel Verrücktes mit diesem Klebeband machen können.» Und er verspricht: Am Ende des Theaters sind alle Kinder dazu eingeladen, mit den Künstlern zusammen zu spielen.

Hauptdarsteller Papier

Es ist dann auch das Klebeband, das gleich zu Beginn der Vorstellung zeigt, dass es mehr kann als kleben. Nämlich eine Art Hundeleine sein. Oder eine Brille. Oder eine Allonge-Perücke. Gut, es braucht Phantasie dazu. Aber ist das nicht die schönste Begabung der Kinder?

Es braucht nur ein wenig Papier, zerknüllt und raschelnd bewegt, und schon tanzt ein Schmetterling über die Bühne. Überhaupt ist Papier neben dem Klebeband der noch grössere Hauptdarsteller von «ganz und gar wandelbar». Zum einen dient das Papier – grosse Restrollen aus Druckereien – als Kostüm, um beispielsweise Elefanten, Raupen oder ein Liebespärchen darzustellen. Es kann aber auch in die Kleidung gestopft werden und trägt so zur Entstehung skurrilster Fabelwesen bei, die mit zuckenden Gliedern einen absurden Tanz aufführen.

Mit Wasser gefülltes Papier

Nebst diesen wundersamen Verwandlungen beherrschen die beiden Künstler Piera Gianotti und Francesco Manenti die Körpersprache perfekt. Da steigt ein Wesen in einen Würfel aus Papier, der sich vorher noch scheu der Präsentation vor dem Publikum widersetzte, beginnt zu zittern und die Augen zu verdrehen und allen ist klar: Der Papierwürfel ist gefüllt mit eisigem Wasser.

Der Faszination Körpersprache konnten die Kinder nach dem Bühnenprogramm selbst noch nachspüren: Piera Gianotti leitete sie an, ein Ja oder Nein auf den ganzen Körper zu übertragen und auszuforschen, wie sich eine grosse, rote Sonne wohl anfühlen mag. Und wie wackelt eine Katze mit dem Hinterteil? Und wie ein Dinosaurier? Und wie fühlt sich Angst an?

Klein werden, immer kleiner: Still kauern die Kindern auf dem Boden und plötzlich krabbeln kleine Finger hervor und beginnen, sachte auf den Boden zu trommeln: So spielt man Regen. Und wie schaut man nach dem Regen in die Sonne? Auch Figuren aus dem Stück, welche die Kinder erkannt haben, werden nachgespielt. Und so konnten die Kleinen für einmal ganz in ihrem Beruf aufgehen.