Othello, Rosen züchtender Krieger

Morgen abend führt die Psychiatrische Klinik das Theater «Othello – ein bisschen Shakespeare» im Chällertheater auf. Ein Auftritt, der das Selbstwertgefühl der psychisch eingeschränkten Schauspielerinnen und Schauspieler stärkt.

Philipp Haag
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Den Fokus auf morgen abend gerichtet: Theaterpädagogin Graziella Berger und Schauspieler Christian Hächler. (Bild: Philipp Haag)

Den Fokus auf morgen abend gerichtet: Theaterpädagogin Graziella Berger und Schauspieler Christian Hächler. (Bild: Philipp Haag)

WIL. Shakespeares Othello, ist er ein Krieger? Oder ist er ein Rosenzüchter? Die Antwortet lautet: beides. Der Mohr von Venedig hat zwei Seiten. Eine gewalttätige und eine liebliche. So sehen es zumindest Schauspielerinnen und Schauspieler der Psychiatrischen Klinik Wil, die morgen abend ab 19.30 Uhr «Othello – ein bisschen Shakespeare» im Chällertheater aufführen. In einer freien Adaption gehen sie auf das Stück Weltliteratur des englischen Mittelalterdramatikers William Shakespeare ein. Gewählt hat es Theaterpädagogin Graziella Berger, weil es das Leben in tiefgründigen Seelenbildern und Emotionen zeigt: Liebe und Krieg, Wut und Sanftmut, Eifersucht, Intrige und Mord.

Eine Art Gedächtnistraining

Christian Hächler, er arbeitet in der Schreinerei der Psychiatrischen Klinik in einem geschützten Arbeitsplatz, spielt den Othello. Anspruchsvoll sei die Rolle, sagt er. Vor allem, den Faden nicht zu verlieren. Christian Hächler hat Schwierigkeiten mit dem Erinnerungsvermögen. Das Theaterspielen sieht er als Gedächtnistraining. Es hilft ihm, sich Wichtiges besser merken und behalten zu können. Obwohl der Text eingeübt und in etwa vorgegeben ist, bleibt morgen abend genügend Raum zum Improvisieren. Dies ist gewollt. Während Graziella Berger, Leiterin des Theaterateliers des «Living Museum», in der Vorbereitung die Richtung vorgab, die Grenzen absteckte und als Impulsgeberin wirkte, den Schauspielenden «ein Labor mit einem fixen Rahmen» zur Verfügung stellte, wie sie sagt, erarbeiteten die drei Schauspielerinnen und Schauspieler einen Teil der Handlung durch eigene Ideen und im freien Spiel. So halten sie sich im ersten Akt an Shakespeares Fassung. Im zweiten folgt ein Bruch, Othello züchtet lieber Rosen, als Krieg zu führen, und seine Geliebte Desdemona wird von der unterwürfigen Frau zur selbstbewussten Dame.

Auftritt braucht Mut

Das Selbstbewusstsein wird nicht nur in der zweiten Szene des Stücks zu einem zentralen Anliegen, ihm kommt auch bei den Schauspielerinnen und Schauspieler eine gesteigerte Bedeutung zu. Obwohl es Mut braucht, als Person mit einer psychischen Einschränkung an die Öffentlichkeit zu treten, sagt Christian Hächler, «stärkt ein Auftritt vor Publikum mein Selbstwertgefühl». Er erhalte die Möglichkeit, hinzustehen und aufzuzeigen, «dass ich meine Grenzen überwinden kann». Das An-die-Grenzen-Führen ist Teil der Theaterproben. «Die Teilnehmenden könnten sich im Spiel ausprobieren, sich neu definieren und neue Seiten an sich kennen lernen», sagt Graziella Berger. Ihr ist wichtig, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler «aus den Proben etwas mitnehmen können». «Aus mir herauskommen» hat Christian Hächler bei den Übungen gelernt, und «mehr aus mir herauskommen» möchte er nun in seinem Alltagsleben umsetzen.

Mit einem Augenzwinkern

Der Tritt ins Rampenlicht von Christian Hächler und seinen Mitspielenden wird die Zuschauerinnen inspirieren und – passend zur Ausstellung Irritationen, die gegenwärtig in der Altstadt zu sehen ist – auch irritieren, wie Graziella Berger hofft. Die Darstellerinnen und Darsteller nehmen sich mit «Othello – ein bisschen Shakespeare», das trotz eines künstlerischen Anspruchs das eine oder andere Augenzwinkern enthält, «die Bühne als Theater im Theater der Welt und des Lebens» wie Graziella Berger sagt, um der Stigmatisierung von psychisch handicapierten Personen entgegenzuwirken. «Wenn wir wollen, dass Vorurteile abgebaut werden», sagt Christian Hächler, «müssen wir auf die Leute zugehen. Wir dürfen nicht erwarten, dass sie von sich aus auf uns zukommen.»