OST–WEST: Solidarität mit Polen zeigen

Seit 25 Jahren pflegt Wil den Kontakt zur polnischen Partnergemeinde Dobrzen Wielki. Diese ist nun nur noch halb so gross. Gegen den Willen der Bevölkerung wurde ein Teil von der Regierung der Stadt Opole annektiert.

Ursula Ammann
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Tafel auf einem Gedenkstein in Dobrzen Wielki: Durch die finanzielle Unterstützung Wils konnte eine Gasleitung gebaut werden. (Bilder: PD)

Tafel auf einem Gedenkstein in Dobrzen Wielki: Durch die finanzielle Unterstützung Wils konnte eine Gasleitung gebaut werden. (Bilder: PD)

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Sie protestierten in den Strassen von Opole, schickten Briefe an die Regierung und traten teilweise sogar in den Hungerstreik: Die Bürgerinnen und Bürger von Dobrzen Wielki, Wils Partnergemeinde in Polen. Doch die Bevölkerung fand kein Gehör. Die Teilung von Dobrzen Wielki, bestehend aus neun Ortschaften, ist beschlossene Sache. Dies, obwohl sich bei einer Konsultativabstimmung vor knapp einem Jahr nahezu 100 Prozent der Bürgerschaft gegen die Gebietsabtretung ausgesprochen haben.

Den wichtigsten Steuer­zahler weggenommen

Die beiden Wiler Rolf Benz und Daniel Schönenberger betrachten die Entwicklungen in der polnischen Partnergemeinde mit Sorge. Benz reiste schon etliche Male nach Dobrzen Wielki, das erste Mal vor knapp 20 Jahren als Vertreter der Stadtmusik, die ihre alten Uniformen spendete. Später als Delegierter der Stadt Wil. Er hat hautnah miterlebt, wie sich die idyllisch gelegene Gemeinde in dieser Zeit vom unterentwickelten Fleck Erde ohne richtige Wasserversorgung zu einem lebenswerten Ort mauserte. Dank eigener Initiative, Hilfe aus Wil und vor allem EU-Geldern.

Daniel Schönenberger lernte als ehemaliger Wiler Schulrat vor allem die Bildungslandschaft in Dobrzen Wielki kennen. Mit Schülerinnen und Schülern aus dem Sonnenhof besuchte er die dortige Oberstufe und das Lyzeum. «Selbst hartgesottene Jungs haben sich mit Tränen in den Augen verabschiedet, dermassen tief ging ihnen die Begegnung mit den gastfreundlichen Polen», sagt Schönenberger. Die Gegenbesuche liessen auch in Wil ungeahntes Gastfreundschaftspotenzial erkennen.

Warum Opole sich Teile von Dobrzen Wielki unter den Nagel gerissen hat, dazu haben Benz und er eine klare Vermutung. Die Gründe seien wohl finanzieller Natur, sagt Rolf Benz. «Im annektierten Gebiet befindet sich Polens grösstes Kohlekraftwerk der Elektrownia Opole SA – der bisher wichtigste Steuerzahler.» Daniel Schönenberger ergänzt: «Man hat das Filetstück einfach der Hauptstadt zugeschanzt.»

Gehälter der Lehrer gekürzt

Mit der Teilung verlor Dobrzen Wielki insgesamt fünf seiner Ortschaften, über einen Drittel seiner Einwohner und rund zwei Drittel seines Haushalts. Das trifft insbesondere die Schule in Dobrzen Wielki hart. Bereits mussten Massnahmen ergriffen werden. Die Lehrer erhielten weniger Gehalt. Eine Kürzung um 50 Prozent gab es zudem bei den Zuschüssen für Kindertagesstätten. Weiter muss Dobrzen Wielki künftig auf Flächen verzichten, die ursprünglich als Investitionsgebiete vorgesehen waren. Der Verlust von rund 200 Arbeitsplätzen ist eine weitere Konsequenz.

Auch kulturell wird sich die Teilung der Gemeinde auswirken. Rund 30 Prozent der Bevölkerung von Dobrzen Wielki, das in Oberschlesien im Südwesten Polens liegt, sprechen Deutsch. «Die Rechte dieser Minderheit gelten nur noch in den verbleibenden Orten, im Gebiet von Opole gelten sie nicht mehr», sagt Rolf Benz. So gebe es in den fünf annektierten Ortschaften künftig keine deutschen Beschriftungen mehr und auch der Deutschunterricht falle weg.

Für Daniel Schönenberger ist klar: Die Gebietsreform und Entmündigung der Bürger in Dobrzen Wielki ist ein Auswuchs der nationalistisch geprägten Regierung Polens. Diese Entwicklung können die Wiler nicht ändern. «Doch gerade in dieser schwierigen Zeit müssen wir unserer Partnergemeinde moralisch beistehen», sagt Rolf Benz.

Den Austausch mit der Bevölkerung pflegen sie derzeit über E-Mail und Telefon. Ende Oktober ist geplant, dass eine Delegation aus Dobrzen Wielki nach Wil reist – ganz im Sinne der bereits 25-jährigen Partnerschaft, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs begann und für beide Seiten politische, kulturelle und vor allem soziale Bereicherungen mit sich brachte.