Ohne irdische Last in den Tod

Der Arzt und Moslem Ali Sensoy orientierte bei einer Tagung von Palliative Ostschweiz über Konventionen, die bei einem Sterbenden islamischen Glaubens eingehalten werden sollten.

Philipp Haag
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Ein österreichischer Türke: Der Arzt und Moslem Ali Sensoy sprach zum Spannungsfeld Islam und Sterbebegleitung. (Bild: ph.)

Ein österreichischer Türke: Der Arzt und Moslem Ali Sensoy sprach zum Spannungsfeld Islam und Sterbebegleitung. (Bild: ph.)

WIL. Der Islam, respektive das islamische Begegnungszentrum, welches der Islamische Verein Wil im Südquartier bauen möchte, führte in den vergangene Monaten zu kontroversen, teils heftigen Diskussionen. Insbesondere bei den Anwohnern gab es Ängste und Befürchtungen, ausserdem herrschte bei dem einen oder anderen Einwohner von Wil Falschwissen über die auch in der Schweiz mittlerweile weitverbreitete Religion.

Wie die Moslems mit dem Tod umgehen, wie sie sich am Sterbebett eines Angehörigen verhalten, welche Hürden für das Pflegepersonal bestehen, diese und weitere Fragen werden je länger, desto aktueller, ist doch nun die erste Generation der Einwanderer aus Ex-Jugoslawien, der Türkei oder aus Albanien dem Lebensende nahe. Aus diesem Grund lud Palliative Ostschweiz, die sich mit Palliative Care, also Pflege- und Betreuungsangebote für Menschen, die mit Fragen des Lebensendes konfrontiert sind, auseinandersetzt, den Arzt und Moslem Ali Sensoy aus Dornbirn ein, einen österreichischen Türken, wie er sich bezeichnete. Ein Rezept für den Umgang mit Sterbenden islamischen Glaubens, dies machte er zu Beginn klar, könne auch er nicht bieten, denn die Moslems seien eine heterogene Gruppe.

Enorm viele Besucher

Er machte die gut 300 Zuhörerinnen und Zuhörer auf Konventionen aufmerksam, die oft nicht mal aus dem Koran stammen, sondern aus dem Leben in den Dorfgemeinschaften der Heimatländer. So werde ein Patient von Angehörigen, Freunden und Bekannten begleitet. «Enorm viele Leute besuchen den Sterbenden», sagte Sensoy. Der Hintergrund: Der Patient muss besucht werden, solange er noch kommunizieren kann, um beispielsweise Schulden zu begleichen oder einen Streit zu beenden. «Der Sterbende soll ohne irdische Last den letzten Weg gehen», sagte Sensoy.

Auch sei meist ein Imam, Koranverse rezitierend, im Zimmer anwesend. Und der Kopf oder die Augen des Patienten sollten nach Mekka ausgerichtet sein. Ausserdem seien die Fenster permanent geöffnet, «damit die Seele freien Lauf hat». Dass ein Christ – ein Ungläubiger – dem Patienten das Essen reiche oder ihn wasche oder eine Bibel im Zimmer liege, bei derartigen Situationen habe er noch nie erlebt, sagte Sensoy, «dass dies zu Problemen führte». Bestattet werden Moslems oft in ihrem Heimatland, einerseits, weil es ihr Wunsch ist, andererseits, weil der Islam keinen Sarg kennt und die Toten in drei Leinentüchern bestattet werden, was auf Friedhöfen meist zu Problemen führe.

Frau soll Frau waschen

Ein diffiziler Punkt sind aber die rituellen Waschungen. Diese sollten bei einer Frau von einer Frau vorgenommen werden und beim Mann ebenfalls von einem Geschlechtsgenossen. Obduktionen allerdings, die sollten wenn möglich vermieden werden, «damit der Körper unversehrt in den Tod gehen kann», wie Sensoy sich ausdrückte. Einen Widerspruch zur Organspende, welche wie auch Bluttransfusionen möglich ist, sieht Sensoy nicht, «denn alles, was lebensverlängernd wirkt, ist erlaubt». Die Einstellung hat sich, beispielsweise in der Türkei, aber erst in den letzten Jahren geändert, aufgrund einer Weisung von Gelehrten. Einen Rat hatte der Arzt zum Schluss dann aber doch noch: «Sprechen Sie mit dem Patienten oder den Angehörigen über seine Wünsche.»