Ohne Bildung kein Fortschritt

Migranten in Wil – Teil 16: Rita Kobler-Emiko verkörpert die gebildete Nigerianerin. Mit ihrem Hilfswerk «Inside Africa» hat sie in ihrem Heimatland mit recht bescheidenen Mitteln schon viel erreicht.

Friedrich Kugler
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Der Laptop ist für Rita Kobler-Emiko ein wichtiges Arbeitsinstrument. (Bild: Friedrich Kugler)

Der Laptop ist für Rita Kobler-Emiko ein wichtiges Arbeitsinstrument. (Bild: Friedrich Kugler)

WIL. Es ist ein reiner Zufall, dass die im Niger-Delta aufgewachsene Rita Kobler-Emiko heute in der Schweiz lebt. Nicht ganz zufällig hingegen hat die engagierte Afrikanerin im Januar am Weltwirtschaftsforum WEF in Davos den nigerianischen Staatspräsidenten Jonathan Goodluck getroffen. Seit 2007 im Besitz des Schweizer Passes, setzt sich Rita Kobler einerseits für eine schnellere Integration von afrikanischen Frauen in der Schweiz und andererseits für die Bildung von Landsleuten in einer abgelegenen Gegend von Nigeria ein.

Ein Ausflug mit Folgen

Die Muttersprachen von Rita Kobler waren Itsekiri und Pidginenglisch. Dass sie sich nach einem zweijährigen Jura-Grundstudium mit Diplomabschluss der französischen Sprache zuwandte, sollte sich als Weichenstellung für ihr zukünftiges Leben erweisen. Die grossgewachsene Frau reiste für die Vertiefung der Sprachkenntnisse nach Besançon im französischen Teil des Juras. Auf einem Ausflug in die Schweiz begegnete sie in Baden ihrem späteren Ehemann Michael Kobler. 2002 gab das Paar auf dem Standesamt das Eheversprechen ab. Ein Jahr später folgte in der Wallfahrtskapelle Maria Dreibrunnen die kirchliche Trauung. Seit fünf Jahren wohnt die Familie mit den beiden Söhnen Eric (9) und Noel (4) in Bronschhofen.

Auch als Hausfrau und Mutter möchte die wiss- und lernbegierige Afrikanerin nicht stehen bleiben. Mit einem Teilzeit-Pensum ist sie seit fünf Jahren in der Ikea-Filiale in der St. Galler AFG-Arena im Bereich «Customer Relations» tätig. Jeden Freitag drückt sie im Rahmen der Erwachsenenbildung in St. Gallen die Schulbank. Dabei arbeitet sie sich in die verschiedensten Themen unserer Gesellschaft ein. «Ich strebe die Weiterbildung zur Migrationsfachfrau an», hat Rita Kobler ein klares Ziel vor Augen.

Perspektiven für Junge

2007 hatte die Frau den Verein «Inside Africa Switzerland» gegründet. Daraus ist ein Hilfswerk entstanden, das in Kunbi im nigerianischen Bundesstaat Oyo innerhalb weniger Jahre Erstaunliches geleistet hat. Zwar schreibt die nigerianische Verfassung die Schulpflicht vor, doch in ländlichen Gegenden präsentiert sich die Wirklichkeit anders. «Viele junge Menschen bleiben ohne Bildung und landen schliesslich ohne Perspektiven in einem Moloch wie Lagos. Dabei ist die Bildung das Tor zu Freiheit, Fortschritt und Demokratie», ist die Power-Frau überzeugt. Mit Standaktionen wie beispielsweise am Fest der Nationen, aber auch mit Beiträgen der Wiler Kirchgemeinden werden Spenden für das Projekt gesammelt. Heute werden dort 120 Kinder in einem zweckmässigen Gebäude unterrichtet.

Koordiniert wird das Hilfswerk von Gloria Liberty-Emiko, der 52jährigen Halbschwester von Rita Kobler, die in der Mission tätig ist. Über Ostern konnten sich Rita Kobler und ihre Familie auf einer zweiwöchigen Reise von der Wirkung der Hilfe aus der fernen Schweiz überzeugen. «In Kunbi gibt es weder fliessendes Wasser noch Elektrizität. Dank eines mit Diesel betriebenen Generators stehen jetzt den Kindern in der Schule alte Personal Computer zur Verfügung. Es ist erstaunlich, welche Talente im afrikanischen Busch heranwachsen und mit welcher Begeisterung sich die Kinder dem Lernen widmen», schwärmt Rita Kobler. Abgeschlossen ist das Projekt noch längst nicht. «Wir benötigen dringend mehr qualifizierte Lehrkräfte. Auch möchten wir weitere Schulen in ländlichen Gegenden aufbauen. Es gibt noch viel zu tun», sagt sie.

Brückenbauerin

«Ich möchte von meinem Glück, das ich hier in der Schweiz nicht zuletzt dank meiner Familie erlebe, etwas zurückgeben», erklärt die gebürtige Nigerianerin, die als Christin auch ihren Beitrag zur Völkerverständigung leisten möchte. Grösseren Anfeindungen war sie wegen ihrer dunklen Hautfarbe bisher nie ausgesetzt. «Wenn die Menschen spüren, dass sie eine seriöse und offene Afrikanerin vor sich haben, werde ich gleich anders eingestuft», erzählt sie. Weil sie auf die hiesige Bevölkerung zugehen will, rief sie auf Anfang dieses Jahres mit Unterstützung der Stadt Wil den Frauentreff «Hand of Hope» ins Leben. «Meine Absicht ist ein kultureller Austausch zwischen Schweizerinnen und Afrikanerinnen. Die Treffen finden jeweils ohne Anmeldung am letzten Mittwoch des Monats von 14 bis 16 Uhr in der Tagesstruktur Pestalozzi an der Zürcherstrasse 33 in Wil statt. Trotz des nicht immer einfachen Lebens zwischen zwei Kulturen fühlt sich Rita Kobler in Wil sehr wohl: «Ich habe das Gefühl, dass die Stadt offener geworden ist. Auf jeden Fall wird hier für die Integration sehr viel getan.» Weil sie sich mit ihrem Heimatland nach wie vor stark verbunden fühlt, pflegt sie regelmässige Kontakte zur nigerianischen Botschaft in Bern. So kam es, dass sie ans WEF in Davos eingeladen wurde und dort erstmals dem Präsidenten ihres Heimatlandes begegnete. Gebracht hat diese Begegnung ihrem Hilfswerk bisher nicht viel, aber ein Erlebnis war für sie das unverhoffte Eintauchen in die mächtigen und einflussreichen Menschen dieser Erde alleweil.

Rita Kobler-Emiko spielte als Stürmerin in der Frauenmannschaft des FC Wil in der 3. Liga. Da liegt es auf der Hand, dass für sie die bevorstehende Fussball-WM in Brasilien ein Thema ist. «Brasilien oder Deutschland werden um den Titel kämpfen. Die <Super Eagles> aus meinem Heimatland werden wohl die Vorrunde in der Gruppe F überstehen, aber kaum in den Final einziehen», prognostiziert sie.

In Wil leben Menschen aus rund hundert Nationen. In einer Serie stellt die Wiler Zeitung Menschen aus jenen 32 Ländern vor, die an der Fussball-WM 2014 in Brasilien vertreten sind.

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