Öffentlich und doch privat

Seitenblick

Tim Frei
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Die Odyssee nimmt endlich ein Ende. Nach gefühlten 50 besetzten Viererabteilen sind doch noch leere Plätze im Zug zu finden; zwei am Fenster, einer beim Gang. Es gibt nur einen Haken: Noch «sitzen» Gepäckstücke eines Zugreisenden auf den freien Plätzen. Es bleibt nichts anderes übrig, als allen Mut zusammenzunehmen und die obligate Frage zu stellen: «Entschuldigen Sie, ist da noch frei?» Schliesslich ist Herr und Frau Schweizer höflich und nimmt sich nichts, ohne danach zu fragen. Im Kopf spielt sich bereits das Gedankenspiel ab, wie am Gepäck und der Person, zum Platz vorbeigeschlängelt werden kann. Doch die Freude ist verfrüht: Die Antwort auf diese Bitte lautet nein.

Viel schlimmer ist jedoch die Begründung. «Später stossen zwei Kollegen dazu.» Unweigerlich schiesst die Frage durch den Kopf: Ist das nicht unfair? Schliesslich hat nicht nur diese Person ein Ticket bezahlt. Das Entsetzen wird grösser als auch zwei Schüler erfolglos anrennen. Da wagt es tatsächlich jemand, ein scheinbar öffentliches zu einem privaten Gut zu machen. Aus dem Fakt, dass die Person früher im Zug gewesen ist, leitet sie offensichtlich ein privates Recht auf ein öffentliches Gut ab. Trotzig den Platz besetzen kommt nicht in Frage, Schweizer ist bekanntlich höflich.

Dass einem ein eigentlich freier Platz verwehrt bleibt, mag eine Ausnahme sein. Weit häufiger kommt vor, dass Sitze zweckentfremdet werden: Esswaren, Tiere und Gepäckstücke in jeder Grösse werden auf den Sitzen platziert. Unter den Sitzen oder in der Gepäckablage haben die eigenen Sachen ja keinen Platz. Oft werden die freien Sitze als Mini-Bett verwendet: Schliesslich muss jede Gelegenheit zum Schönheitsschlaf genutzt werden. Diesen Menschen ist zugutezuhalten, dass sie meistens ein «20 Minuten»-Exemplar verwenden, um das Sitzpolster nicht mit ihrem Schuhwerk schmutzig zu machen.

Während einiger Wochen im Sommer sind diese Personen zum Glück nicht im Zug anzutreffen. Sie machen Strandferien. Doch auch dort sind sie unschwer zu erkennen: Sie reservieren vor dem «Zmorge» Strandliegen des Hotels mit ihren Badetüchern und empfangen später zwei Kollegen.

Tim Frei

tim.frei@wilerzeitung.ch