OBERUZWIL: Liederdichter und Prediger

Bildungsabende der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde über Paul Gerhardt und Gerhard Tersteegen.

Annelies Seelhofer-Brunner
Drucken
Teilen

Diakon Richard Böck brachte am ersten Bildungsabend den Liederdichter Paul Gerhardt in einem Lebensporträt näher. Früher gehörten dessen Lieder zum eisernen Bestand jeder reformierten Person. Im heutigen reformierten Gesangbuch stehen 25 von mehr als 130 geschriebenen Gerhardt-Liedern.

Gerhardts Vater war einer der drei Bürgermeister in Gräfenhainichen (De), die Mutter eine sehr emanzipierte Frau. Erst mit 48 Jahren heiratete er und lebte mit seiner Frau Anna Maria Berthold, bis sie 1668 an einem Lungenleiden starb. Ausserdem verlor er vier seiner fünf Kinder durch frühen Tod. Nur sein Sohn Paul Friedrich blieb zurück.

Trostvolle Worte in harten Zeiten

Gerhardts Vater starb, als Paul erst 12 Jahre alt war, seine Mutter zwei Jahre später. Paul selber besuchte die Universität in Wittenberg und wurde Theologe lutherischer Ausrichtung. Immer wieder können in seinen Texten Hinweise auf damals gemachte Erfahrungen gefunden werden. Dass viele davon bis heute Bestand haben, zeigt, dass menschliches Leben eine Art Grundkonstante hat. Im Dreissigjährigen Krieg ging es um konfessionelle, aber auch machtpolitische Auseinandersetzungen. Die Bevölkerung litt unendlich unter den Soldaten, die alles niedermachten und das Volk finanziell ausbluteten. Auch die Pest wütete, dazu kamen Hungersnöte. Inmitten all dieser leidvollen Umstände dichtete Paul Gerhardt seine trostvollen Texte. Vieles verband er mit persönlichen Erfahrungen.

Mystisch-pietistisch geprägter Dichter

Am zweiten Abend beleuchtete Pfarrer René Schärer den bedeutenden, mystisch-pietistisch geprägten Dichter Gerhard Tersteegen. Im reformierten Kirchengesangbuch sind zehn Lieder zu seinen Gedichten zu finden. Tersteegen bekanntestes Lied ist vermutlich «Ich bete an die Macht der Liebe» mit der Melodie des ukrainischen Komponisten Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski. Das Lied «Gott ist gegenwärtig» kann als sein eigentliches Credo betrachtet werden.

Tersteegen war sehr begabt und konnte anfänglich gute Schulen besuchen. Im Jahr 1703 starb sein Vater, am 12. August 1721 auch seine Mutter. Aus finanziellen Gründen konnte er nicht auf eine Universität, sondern lernte – ungern – einen kaufmännischen Beruf. Ein Erweckungserlebnis nach einer schlimmen Kolik führte ihn zu einer innigen, unverbrüchlichen Gottesbeziehung. Durch den Prediger Wilhelm Hoffmann lernte Tersteegen viele katholische Heilige näher kennen. Darüber schrieb er ein viel beachtetes Buch mit 25 Biografien, darunter 17 Frauenporträts. Ab 1725 trat Tersteegen als Prediger auf, aber immer in privaten Räumen. Zeitweise sind bis zu 400 Leute zu seinen Hauspredigten gekommen. Der Glaube sei eine Sache zwischen Gott und jedem Einzelnen, nie ein «Rezept» für alle, war er überzeugt.

Grösster Lyriker vor Goethe

Nach einer staatlichen Prüfung über Heil- und Pflanzenkunde konnte er auch als «Priesterarzt» wirken. Tersteegen übersetzte viele Texte aus französischer, hebräischer, englischer, niederländischer und lateinischer Sprache. Manche nennen ihn den grössten Lyriker vor Goethe.

Am dritten Abend wurde Paul Gerhardt und dessen Bedeutung noch in einem Film vorgestellt, mit Interviews von heutigen Persönlichkeiten und wunderbarem Gesang des Thomanerchors. Die neue versenkbare Grossleinwand im Chor der Kirche eignet sich für solchen Vorführungen.

Annelies Seelhofer-Brunner

redaktion@wilerzeitung.ch