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OBERUZWIL: Das tragische Ende des Soldaten Ernst S.

Fahrer Ernst S. gehörte zu jenen 17 Landesverrätern, die während des Zweiten Weltkriegs hingerichtet wurden. Niklaus Meienberg hat ein Buch verfasst, das seinerzeit ebenso wie ein Film von Richard Dindo hohe Wellen geworfen hat.
Philipp Stutz
Ernst S. an einem guten (Fischer-)Tag, vermutlich an der Sitter, wo er sich gerne aufhielt. (Bild: Schweizerisches Bundesarchiv)

Ernst S. an einem guten (Fischer-)Tag, vermutlich an der Sitter, wo er sich gerne aufhielt. (Bild: Schweizerisches Bundesarchiv)

Philipp Stutz

philipp.stutz@wilerzeitung.ch

«Zum Schuss fertig, feuern!» So lautete das Kommando. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1942 wurde Soldat Ernst S. in seinem 23. Lebensjahr von einem Exekutierungsdetachement in einem Wald unterhalb der Häusergruppe namens Bisacht erschossen. 17 Landesverräter waren es, die zwischen 1942 und 1944 exekutiert worden waren. Ernst S. war einer der ersten von ihnen. Es waren die letzten hierzulande vollzogenen militärischen Todesurteile. Warum gerade ein Wäldchen im abgelegenen «Süsack» für die Hinrichtung ausgesucht wurde, ist bis heute nicht bekannt.

Das Vergehen von Ernst S.: Er hatte zwei Mal Munition der Schweizer Armee entwendet und für ein paar hundert Franken an den deutschen Geheimdienst verkauft. Ferner erstellte er Skizzen von Artillerie- und Bunkerstellungen, die der Untersuchungsrichter im Nachhinein allerdings als ungenau bewertete.

Seine Geschichte warf in der Schweiz hohe Wellen, als Journalist Niklaus Meienberg 1974 seine Reportage «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» veröffentlichte und Regisseur Richard Dindo anhand dieser Reportage einen Dokumentarfilm über den Fall drehte.

Ein «scharfer Kaffee» im «Rössli»

Das Ortsmuseum Oberuzwil zeigt am 11. März nochmals eine Ausstellung zu alten Richtstätten. Die letzte zivilrechtliche Hinrichtung wurde in der Schweiz 1940 in Sarnen mit einer Guillotine vollzogen. Im Ortsmuseum erhalten Interessierte auch Informationen zu den Oberuzwiler Richtstätten «Mallus» – diese alemannische Gerichtsstätte ist in der jetzigen Flurnamensgebung als «Malloh» aufgeführt – und auch zu den «Hailigen Buchen». «Über Flurnamen sind wir auf das Thema der Richtstätten gestossen», sagt Roland Schluchter, Mitglied des Ortsmuseum-teams. Die Hinrichtung von Ernst S. bezeichnet er «als sehr fragwürdige Angelegenheit».

In einem Wald nahe des ehemaligen Munitionsdepots wurde das Todesurteil gegen den Fahrer S. vollstreckt. (Bild: Philipp Stutz)

In einem Wald nahe des ehemaligen Munitionsdepots wurde das Todesurteil gegen den Fahrer S. vollstreckt. (Bild: Philipp Stutz)

Die ehemalige «Rössli»-Wirtin Erika Wagner wusste wiederholt zu erzählen, dass Offiziere vor und nach der Exekution in ihrem Lokal eingekehrt seien. Den Grund ihrer grausamen Mission sei allerdings erst im Nachhinein bekannt geworden. Auch im Film von Richard Dindo wird berichtet, dass Soldaten und Offiziere im «Rössli» spätabends einen «scharfen Kaffee» getrunken hätten.

Erschütterndes Zeitdokument

Das Buch von Niklaus Meienberg zeichnet den Lebensweg von Ernst S. auf. Es ist ein erschütterndes Zeitdokument. Der in ärmlichen Verhältnissen im Sittertobel bei St. Gallen aufgewachsene Ernst S. geriet wiederholt mit den Behörden in Konflikt. Er schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch und war stets knapp bei Kasse.

Vormundschaft, Anstalt, Arbeitslager

Sein Leben war geprägt durch Vormundschaft, Erziehungsanstalt, Arbeitslager. Ihm nahestehende Personen schildern ihn demgegenüber als lebensfrohen, geniesserischen, kunstbegeisterten, aber auch etwas naiven Menschen. Er besass eine musische Ader. Spielte Trompete, nahm Gesangsunterricht, wollte Sänger und Schauspieler werden. Schaffte es aber lediglich zum Statisten am St. Galler Stadttheater.

Der Film Richard Dindos sieht den Fall Ernst S. als Beispiel dafür, wie in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs an einigen Vertretern der Arbeiterschaft beziehungsweise der Soldatenschaft ein Exempel statuiert wurde, während der Waffenhandel mit den National- sozialisten toleriert wurde und verschiedene Vertreter aus Politik und Militär Sympathien für das Dritte Reich hegten. «Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen.» So wird Historiker Edgar Bonjour zitiert. Man kommt zum Schluss, dass Ernst S. nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus persönlicher Abhängigkeit von einem deutschen Agenten gehandelt habe.

In Vergessenheit geraten

Das ist nun 76 Jahre her. Und der «Fall Ernst S.» ist in Vergessenheit geraten. Heutigen Generationen ist sein Name kein Begriff mehr, und das Wissen um die Todesurteile im Zweiten Weltkrieg nimmt ab. Bei älteren Semestern aber ist «Ernst S.» noch immer ein Reizbegriff, der Schauer auslöst und Zorn weckt – je nach politischem Standpunkt. Heute deutet nichts mehr auf die Nacht vom 9. auf den 10. November 1942 hin. Lediglich eine Marienstatue an einem Baum auf dem Wanderweg hinauf zum Wildberg erinnert an das damalige Geschehen.

Quelle:
Niklaus Meienberg: «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» Limmat-Verlag, Zürich

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