OBERUZWIL: «Bleibsel» oder was übrig bleibt

Joachim Rittmeyer zieht auch mit seinem 20. Soloprogramm das Publikum in Scharen an. Auf Einladung der Donnerstagsgesellschaft liess er seine Kultfiguren Brauchle, Metzger und Nabo aufleben.

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Ein Mann, eine Bühne und eine grosse Leinwand. «J.R.», wie ihn seine amerikanischen Fans nennen, überrascht das Publikum mit einer Videoinstallation. Lässt es Beobachter einer Tafelrunde werden, die von oben herab nur die Teller und Hände zeigt. Die zentrale Frage des Abends: Leert sich am Ende die Konfektschale oder bleibt eine Praline übrig, eben das «Bleibsel».

Rittmeyer, 66 Jahre jung und mit den namhaftesten Preisen seines Genres ausgestattet, lässt seine Kultfiguren Hanspeter Brauchle, Theo Metzger und Jovan Nabo über Erlebnisse schwadronieren, die scheinbar losgelöst voneinander sind und trotzdem immer wieder ineinanderspielen. In Rittmeyer’s typischer Manier verwandeln sich alltägliche Begebenheiten in urkomische Geschichten. Sei es der «Lip-Reader», der Mühe hat mit der korrekten Übersetzung von Mundartausdrücken ins Schriftdeutsche oder der Wunsch, ein schön uniformierter Museumswärter zu sein. Lustig auch die Episode beim Kauf von Wanderschuhen. Beim Testlaufen durch das Kaufhaus ist der Wandernde ermattet auf einer Liegematte eingeschlafen und muss die Nacht im Laden eingeschlossen verbringen. Bei seiner wahnwitzigen Erzählung von der Sightseeing Tour mit seinen amerikanischen Fans parodiert Rittmeyer den portugiesischen Bauleiter und den im slawischen Slang sprechenden Jovan Nabo. Theo Metzler hingegen, der lustvolle Altersradikale, philosophiert über Nichtigkeiten, die bei näherer Betrachtung schon fast wieder tiefgründige Aussagen ergeben. Als Kloweisheiten oder Hohlräume veredeln, bezeichnet das der Kabarettist.

Währenddessen ist die Tischrunde im Video beim Dessert angelangt. Und tatsächlich, am Schluss bleibt eine grüne Praline liegen. In einem unbeobachteten Moment allerdings greift eine Hand danach – und es bleibt nichts mehr übrig.

Einige der Besucherinnen und Besucher verlassen den Singsaal der Oberstufenschule mit zwiespältigen Gefühlen. Sind die teils langatmigen Geschichten schon fast wieder Kunst angesichts unserer schnelllebigen Digitalinfozeit oder einfach zu breit ausgearbeitet?

Kathrin Meier-Gross

redaktion

@wilerzeitung.ch