Oberstufe vor der Krise?

REGION. Der Mangel an Oberstufenlehrern ist in den Schulen der Region bereits heute ein ernstzunehmendes Problem. Aber nicht überall herrscht Krisenstimmung.

Annina Niedermann
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Im Lehrerzimmer ist der Mangel an Lehrern Gesprächsthema. (Bild: Bernard Marks)

Im Lehrerzimmer ist der Mangel an Lehrern Gesprächsthema. (Bild: Bernard Marks)

Die Zukunft sieht an der Oberstufe Flawil in Bezug auf Lehrermangel alles andere als rosig aus. Zwar sind derzeit fast hundert Prozent der Lehrpersonen für die Fächer ausgebildet, die sie unterrichten, trotzdem bekam die Oberstufe den Mangel an ausreichend qualifizierten Lehrpersonen bereits unmittelbar zu spüren. Ende Februar schrieb die Schule Flawil eine Stelle aus, in der sie eine Klassenlehrperson für eine erste Oberstufenklasse suchte.

Trotz der Attraktivität dieser Stelle bewarben sich allerdings kaum «korrekt ausgebildete Personen», wie der Schulleiter der Oberstufe Flawil, Claudio Besio, im Gespräch mit der Wiler Zeitung erklärt.

Beruf hat an Ansehen verloren

Besio nennt mehrere Gründe für den aktuellen Mangel an Oberstufenlehrpersonen. «Ein Grund ist, dass das Ansehen des Lehrerberufes gelitten hat. Oberstufenlehrer müssen immer mehr Aufgaben bewältigen wie z. B. Elternarbeit, eine Lohnerhöhung bleibt aber seit mehreren Jahren aus.

Zudem ist die Lektionenzahl im Kanton St. Gallen im Vergleich zu anderen Kantonen hoch und in den letzten Jahren nicht reduziert worden.» Immer weniger Studienabgänger steigen deshalb zu 100 Prozent in den Schulbetrieb ein. Ein weiterer Grund für den Mangel an Oberstufenlehrpersonen sei die Freiheit bei der Fächerwahl an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, die die Bologna-Reform mit sich gebracht habe.

Studierende müssen sich noch immer für die sprachliche oder für die mathematisch-naturwissenschaftliche Richtung entscheiden, haben jedoch im Phil-I-Bereich die Wahl zwischen Englisch und Französisch. «Da die meisten das Fach Englisch wählen, wird es immer schwieriger, Lehrpersonen für den Französischunterricht zu finden», führt Besio aus. In naher Zukunft werde sich die Situation an der Oberstufe in Flawil voraussichtlich nicht verbessern. Vor Kurzem wurde die Studiendauer der Sekundarlehrerausbildung von vier auf fünf Jahre verlängert.

«Konkret heisst das, dass es im Jahr 2011 keine Studienabgänger gibt, da dann die Studierenden der fünfjährigen Ausbildung noch nicht fertig sind und jene, die noch im alten System sind, bereits diesen Sommer abschliessen», sagt Besio. Hinzu kommt, dass viele Lehrpersonen im Jahr 2011 in Pension gehen. Das Ausmass des Mangels an sogenannten Oberstufenlehrpersonen stellt sich in der Region Wil allerdings unterschiedlich dar.

Wil und Uzwil bisher verschont

In Wil ist noch nichts vom Mangel an Oberstufenlehrern zu spüren. «An der Sekundarschule Wil sind alle Stellen besetzt. Für die ausgeschriebene Stelle in der Realschule haben wir Bewerbungen von qualifizierten Personen bekommen», berichtet Marlis Angehrn, Schulratspräsidentin in Wil. Sie wisse jedoch, dass Oberstufenlehrer, welche sich auf dem Markt befinden, derzeit schneller denn je eine Stelle bekommen. Auch Oberuzwil wurde mit der Problematik noch nicht konfrontiert.

«Bei uns gibt es keinen Lehrermangel», meint Schulratspräsident Thomas Stark. Dies sei auf die geringe Fluktuation zurückzuführen. An der Oberstufe in Uzwil zeigt sich das gleiche Bild. «Erstens haben wir in der Sekundarschule einen altbewährten Lehrerstand, der uns noch einige Jahre erhalten bleiben wird, und zweitens haben wir rückläufige Schülerzahlen», sagt der Uzwiler Schulratspräsident Werner Dintheer.

In der Realschule Uzwil seien zurzeit Primarlehrer angestellt, diese wollten aber zurück in die Primarschule. Daher waren kürzlich zwei Stellen ausgeschrieben, für die jedoch schon gute Bewerbungen eingetroffen seien.

Diese Unbesorgtheit wirft Fragen auf. Sollten sich die Schulräte nicht besser bei Zeiten Gedanken über einen künftigen Lehrermangel machen? Schliesslich werden einige Lehrer in absehbarer Zeit pensioniert.

Wenn sich dann nicht mehr Oberstufenlehrpersonen auf dem Markt befinden als jetzt, könnte die Krise auch in bisher nicht vom Mangel betroffenen Schulen eintreffen.