OBERBÜREN: Zeichensprache im Kindergarten

Das neue Schuljahr bringt den Flüchtlingsfamilien im Zentrum für Asylsuchende ein neues Angebot: einen Kindergarten. Seit gestern werden im «Thurhof» sieben Vorschulkinder aus sieben Familien unterrichtet.

Andrea Häusler
Drucken
Teilen
Die Kinder dürfen den Kindergarten auch in mütterlicher Begleitung besuchen. Für die Betreuung und Förderung der jüngsten «Thurhof»-Bewohner ist Steffi Schmid (rechts) verantwortlich. Unterstützt wird sie von freiwilligen Helferinnen wie der Flawilerin Eva Baumann (Mitte links). (Bild: Andrea Häusler)

Die Kinder dürfen den Kindergarten auch in mütterlicher Begleitung besuchen. Für die Betreuung und Förderung der jüngsten «Thurhof»-Bewohner ist Steffi Schmid (rechts) verantwortlich. Unterstützt wird sie von freiwilligen Helferinnen wie der Flawilerin Eva Baumann (Mitte links). (Bild: Andrea Häusler)

Andrea Häusler

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

Die Gefühle sind gemischt an jedem ersten Kindergartentag, bei Eltern und Kindern gleichermassen. Vorfreude konkurriert mit beklemmender Verlustangst. Loslassen bereitet Mühe, erst Recht in Flüchtlingsfamilien, die allesamt einen Rucksack voller prägender Erinnerungen tragen. Nichtsdestotrotz sei der Eröffnungstag im neuen «Thurhof»-Kindergarten unkompliziert und völlig unproblematisch abgelaufen, sagt Steffi Schmid, Leiterin der Ausbildungsprogramme und Schule im Kantonalen Zentrum für Asylsuchende am Dorfrand Oberbürens. Die Idee sei auch von Anbeginn durchwegs positiv aufgenommen worden. Für Steffi Schmid ist das nachvollziehbar: «Es ist anstrengend, mit Kindern auf so engem Raum zu leben und kaum Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung zu haben.» Dies habe sich vor allem während der Ferienzeit gezeigt.

Sieben Kindergärtler aus drei Kulturen

Vom (freiwilligen) Angebot können derzeit sieben Familien oder Elternteile mit Kindern im Vorschulalter profitieren. Sie stammen aus Eritrea, Syrien und dem Kongo. Einige Monate alt ist das jüngste Kind, sechsjährig das älteste. «Vorderhand ist der Kindergarten tatsächlich eine Mischung aus Kita und Vorschule», sagt Steffi Schmid. Primäres Ziel des Angebots sei denn auch die Entlastung der Eltern, die den Deutschunterricht besuchen. In Anlehnung an die jeweiligen Stundenpläne der drei Deutschklassen im «Thurhof» sind deshalb auch die Kindergarten-Zeiten festgelegt worden. Zwischen 8.30 und 11.30 Uhr sowie von 13.30 bis 15 Uhr kümmert sich Steffi Schmid gemeinsam mit einer ehrenamtlichen Helferin um die multikulturelle Rasselbande. Bereits fest als Freiwillige verpflichtet ist Eva Baumann aus Flawil. Sie hatte einst als Nachtwache im «Thurhof» gearbeitet und freut sich über das Comeback in neuer Funktion. Eine zweite Unterrichtsassistentin ist gewonnen, eine dritte sollte demnächst hinzukommen. Langfristig plant Steffi Schmid, zusätzlich Frauen aus dem «Thurhof» ins Team zu integrieren. Auch solche, die keine Kinder haben. «Es geht darum, ihnen Einblicke in unsere Gesellschaft und Kultur zu vermitteln.»

Den Umgang miteinander üben

Zwischen Schaukelpferd und Matratzen, Spielteppich und Malecke wird Deutsch gesprochen. «Wir verstehen uns nicht», sagt Steffi Schmid halb sachlich, halb schmunzelnd. Tatsächlich blickt Eva Baumann immer wieder in fragende dunkelbraune Kulleraugen, wenn sie den syrischen Mädchen eine Bildergeschichte erzählt. Kommuniziert wird mit Händen und Füssen, mit der Mimik und anhand von Bildern. Malen geht heute schon nonverbal. Strich um Strich werden die vorgedruckten Sonnenblumen, die Ballone und Papageien auf den Zeichenblättern bunter. Die kleinen Kunstwerke sollen später die Wände des ehemaligen Spielzimmers im Neubautrakt zieren. Es ist jetzt erstaunlich ruhig. Einige Kinder sind bereits abgeholt worden. Der Raum wirkt aufgeräumt. So soll es sein, betont Steffi Schmid. Denn nebst der Entlastung der Familien soll der Kindergarten die kleinen Schützlinge auch mit Strukturen vertraut machen. Dabei geht es nicht nur um soziale Kompetenzen. «Die Kinder sollen lernen still zu sitzen oder benützte Dinge wieder an ihren Platz zurückzustellen.»

Ganz neu ist das Kindergartenangebot im «Thurhof» nicht. Schon früher sind hier Vorschulkinder unterrichtet worden. Bevor das Zentrum für Asylsuchende zum Unterbringungsort für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) wurde. Nach dem Wechsel der Zuständigkeit vom Kanton zur Gemeinde hat übrigens Ende März der letzte UMA den «Thurhof» verlassen.