Nur ein Prozent bezieht Naturstrom

WIL. Stadtrat Andreas Widmer spricht mit der Wiler Zeitung über den Anteil an Kernenergie in der Wiler Stromversorgung und die Möglichkeit von Alternativen. Vom Angebot der angebotenen Naturstrom-Produkte machten bisher nur wenige Wiler Strombezüger Gebrauch.

Drucken
Teilen
Stadtrat Andreas Widmer mit einer der drei stadteigenen Solarstromanlagen. (Bild: sme.)

Stadtrat Andreas Widmer mit einer der drei stadteigenen Solarstromanlagen. (Bild: sme.)

Herr Widmer, ab April bieten die Technischen Betriebe Wil ihren Kunden für einen deutlich tieferen Aufpreis als bisher ökologische Stromprodukte an, die frei von Atomenergie sind. Klingelt nun aufgrund der Ereignisse in Japan ununterbrochen das Telefon?

Andreas Widmer: Die TBW bieten bereits seit längerer Zeit Strom aus erneuerbaren Energien an. Die Nachfrage war aber bisher äusserst bescheiden. Von unseren rund 10 000 Stromkunden beziehen lediglich 100 Kunden sogenannte Naturstrom-Produkte. In den letzten zwei Wochen sind nur etwa zehn Anfragen für Strombezug aus erneuerbaren Quellen bei den TBW eingegangen. Von einem Andrang aufgrund der Ereignisse in Japan kann also nicht gesprochen werden. Mit einer geplanten Werbeaktion sollen die Stromkunden aber verstärkt auf den angebotenen Ökostrom aufmerksam gemacht und zu einem grösseren Öko-Mix überzeugt werden.

Wäre es denkbar, in Wil sämtlichen Stromkunden einen Anteil an Ökostrom aufzuzwingen, statt auf den freien Willen Einzelner zu zählen, die sich für einen Aufpreis zu ökologischeren Energieverbrauchern machen? Im Kollektiv könnte dies doch optimiert werden und jeder Einzelne würde nur eine leicht höhere Stromrechnung erhalten.

Widmer: Dies wäre zwar prinzipiell machbar, das Aufzwingen eines bestimmten Strom-Produktes ist aber problematisch. In der Zürcher Gemeinde Wallisellen ist den Kunden einst auch automatisch teurerer Ökostrom verkauft worden. Dies löste einen Sturm der Entrüstung aus und der Konsumentenschutz äusserte Bedenken gegen ein solches Vorgehen. Die Strommarktöffnung erlaubt es den Grosskunden heute, ihren Stromlieferanten frei zu wählen. Diese Grosskunden sind sehr preissensibel, denn bereits kleine Preisaufschläge wirken sich bei ihrem Geschäftsaufwand stark aus. Die grössten 100 Stromkunden verbrauchen in Wil etwa die Hälfte des Stroms. Die Haushalt- und Gewerbekunden können ihren Lieferanten in etwa drei Jahren ebenfalls frei wählen. Der Stadtrat setzt nicht auf Zwangsmassnahmen, sondern befürwortet individuelle Wahlmöglichkeiten bei den Energieprodukten, dies gilt auch bei Biogas und Trinkwasser.

Die TBW sind im Besitz von drei Solarstromanlagen. Wie viel Strom kann damit produziert werden?

Widmer: Damit kann der Strombedarf von rund zehn Haushaltungen abgedeckt werden. Der Preis dafür konnte in den letzten zehn Jahren zwar halbiert werden, er ist aber immer noch viermal teurer als der Strom aus dem herkömmlichen Angebot. Mit dem neuen Ökostromangebot in Kombination mit ZAB-Strom aus der Verwertung der stadteigenen Kehrichtmenge ist er aber deutlich konkurrenzfähiger geworden.

In der verkauften Strommenge der Technischen Betriebe im Jahr 2009 ist ersichtlich, dass rund 75 Prozent aus Kernenergie stammt, über ein Drittel davon aus dem Ausland. Im schweizweiten Vergleich liegt der Verbrauch von Atomstrom bei 40 Prozent. Weshalb ist er in Wil so hoch?

Widmer: Die TBW als Elektrizitätsverteiler sind vom Strommix der St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke SAK abhängig, denn diese produzieren und beschaffen den Strom für den ganzen Kanton. Die Ostschweiz hat generell einen höheren Anteil an Kernkraft als die Kantone in den Alpen, in denen die Standorte für Wasserkraft-Anlagen stehen.

Andere Städte wie Gossau oder St. Gallen versuchen, den verbrauchten Strom aus AKWs längerfristig stark zu reduzieren. Zürich und Bern haben gar die komplette Loslösung zum Ziel gesetzt. Wären diesbezüglich auch Massnahmen in Wil denkbar und welche Mehrkosten wären bei einem solchen Vorhaben zu erwarten?

Widmer: Mit dem Kernkraftausstieg von einzelnen Städten wird noch nicht mehr alternative Energie produziert. Es müssten verstärkt Produktionsanlagen aus alternativen Energiequellen erstellt werden, diese bewirken jedoch teilweise wieder andere Nachteile wie beispielsweise einen höheren CO2-Ausstoss oder landschaftliche Eingriffe. Für jedes neue Projekt formiert sich auch eine Gegnerschaft. Es geht nur, wenn alle Betroffenen Kompromisse eingehen. Wenn sich die Stadt Zürich heute vom Verbrauch von Kernenergie lossagt und auf Wasserkraft setzt, darf nicht vergessen werden, dass sie in den Fünfzigerjahren beispielsweise im bündnerischen Marmorera einen Stausee baute und damit ein ganzes Dorf flutete. Die Stadt Wil hatte übrigens ein ähnliches Projekt mit grossen Stauseen entlang der Thur, welches 1948 aufgegeben wurde. Die Pläne werden derzeit im Stadtmuseum an einer Sonderausstellung gezeigt. Solche Projekte sind heute kaum mehr vorstellbar. Was die Frage der Kernenergie betrifft, so muss diese auf schweizweiter Ebene gelöst werden. Dazu wird das Bundesamt für Energie bis in etwa sechs Wochen die entsprechenden Szenarien und Preise berechnen.

Immer wieder wird an einen sparsamen Stromverbrauch appelliert. Ist ein Rückgang erkennbar?

Widmer: Das Sparen beim Strom beginnt bei jedem Einzelnen. Die TBW machen mit zahlreichen Verbrauchertipps und insbesondere in ihrer Kundenzeitschrift regelmässig darauf aufmerksam, am Informationsangebot mangelt es also nicht. Trotzdem ist bisher kein Rückgang beim Stromverbrauch erkennbar, er steigt sogar jährlich um rund zwei Prozent an. Der Grund liegt auch darin, dass immer mehr Güter produziert werden und das Bevölkerungswachstum weiter anhält. Jeder Einzelne ist gefordert, seinen Beitrag zu einem tieferen Stromverbrauch zu leisten. Muss denn unbedingt die Zahnbürste, das Fleischmesser oder sogar der Pfeffermühle mit Strom betrieben werden?

Interview: Silvan Meile

Aktuelle Nachrichten