Notabene

Die Wundertüte aus dem Automaten Man warf eine Münze in den Schlitz, quetschte sich zu zweit, zu dritt, manchmal auch zu viert in die enge Kabine des alten analogen Schwarz-Weiss-Fotoautomaten, grinste in die Linse und schnitt Grimassen.

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Die Wundertüte aus dem Automaten

Man warf eine Münze in den Schlitz, quetschte sich zu zweit, zu dritt, manchmal auch zu viert in die enge Kabine des alten analogen Schwarz-Weiss-Fotoautomaten, grinste in die Linse und schnitt Grimassen. Viermal in kurzer Folge blitzte es, ob die Föhnfrisuren und die Schulterpolster schon gebüschelt waren oder nicht. Eine Möglichkeit zur Korrektur gab es nicht, es blitzte einfach. Das war allerdings völlig egal, man warf einfach nochmals eine Münze nach und quetschte sich wieder in die Kabine. Die ganze Truppe wartete dann gespannt auf den Streifen mit den vier verschiedenen Schnappschüssen, der dann innerhalb weniger Minuten aus der Öffnung ausserhalb des Automaten rutschte. Das Resultat, wie die Schwarz-Weiss-Bilder im Passfoto-Format aussahen, war die reinste Wundertüte. Man mochte es kaum abwarten, bis der Streifen trocken war. Die Bilder waren Kult und gehörten dazu, wie das Handy und der iPod heute. Stapelweise trug man die Bilder seiner Freunde mit sich herum, stopfte sie ins Portemonnaie und zeigte sie jedem. Und man zeigte sie gerne, denn fast nirgends auf den Bildern waren die Zeichen der Pubertät zu sehen. Die unreine Haut verschwand auf den Fotos wie von Geisterhand. Zudem sah man immer etwas älter aus, was ja im Alter von 13, 14 oder 15 Jahren durchaus sehr wichtig und sogar wünschenswert war. Vor einigen Jahren wurden die analogen Automaten abtransportiert und durch moderne digitale, und vor allem langweilige Fotoautomaten ersetzt. Schade eigentlich.

Melanie Graf

melanie.graf@wilerzeitung.ch