Noldi Tobler hört auf sein Herz

Die Mundharmonikaschule in Rickenbach ist das Resultat eines langen Prozesses. Noldi Tobler war einst Personalleiter, kreativ und unternehmerisch in seiner Freizeit – bis er merkte, dass es so nicht weitergehen kann.

Cecilia Hess-Lombriser
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Noldi Tobler führte früher seinen eigenen Circus und lebt heute von und für die Mundharmonika. (Bild: hlo.)

Noldi Tobler führte früher seinen eigenen Circus und lebt heute von und für die Mundharmonika. (Bild: hlo.)

Rickenbach. Je länger Noldi Tobler aus seinem Leben erzählt, desto mehr kommt zum Ausdruck, dass der Mann eine Art Wundertüte ist. Draussen vor dem Eingang an der Haldenstrasse 6 ist alles klar: Die riesige Mundharmonika über der Türe zeigt an, dass sich hier die Mundharmonikaschule von Noldi Tobler befindet, und so steht es auch ganz klein über der Klingel geschrieben.

Drinnen tun sich Räume auf, die von aussen nicht wahrgenommen werden – sowohl im konkreten als auch im übertragenen Sinn.

Schritt in Selbständigkeit

Es gibt einen Espresso, und es gibt Zeit am runden antiken Tisch im Untergeschoss der Mundharmonikaschule, im Raum mit der roten Wand. Im Unterrichtsraum sind die Wände gelb.

Rot sah Noldi Tobler auch vor wenigen Jahren, als er merkte, dass der Druck und der Stress in seinem Beruf zu gross geworden waren, um dies bis zur Pensionierung durchzuhalten. Ein intensiver Prozess begann, der schliesslich eine grosse Veränderung mit sich brachte. Mit 54 Jahren wagte Noldi Tobler den Schritt in die Selbständigkeit und eröffnete eine Mundharmonikaschule. «Was sich so einfach anhört, war eine intensive Auseinandersetzung, die auch schmerzhaft war», verrät der 57-Jährige. Heute ist er glücklich über seinen mutigen Entscheid.

«Ich verdiene zwar nicht mehr so viel wie früher, aber es geht mir gut, ich habe ein interessantes Leben mit vielen Begegnungen, und es passiert dauernd Neues und Spannendes», fasst er zusammen und strahlt über das ganze Gesicht. Man nimmt ihm seine Aussagen sofort ab.

Unterricht ist Beziehungsarbeit

Das, was Noldi Tobler so zufrieden macht, ist seine Arbeit rund um die Mundharmonika.

Das kleine «Hosentascheninstrument» begleitet ihn seit Jahren – und seit Jahren hatte er bereits in seiner Freizeit Mundharmonika unterrichtet, als er noch im Beruf als Personalleiter stand. Er unterrichtet in Rickenbach eine Reihe von Kindern und Erwachsenen, die teilweise von weit her kommen, um vom erfahrenen Könner angeleitet und gefördert zu werden. Für ihn ist das Unterrichten Beziehungsarbeit.

Da gehören auch der anschliessende Kaffee und das Gespräch dazu und die CD, die auf die Bedürfnisse des Schülers oder der Schülerin abgestimmt bespielt wird. Schritte tun, vorwärtskommen, den individuellen Weg gehen; sind wichtige Grundsätze im Unterricht von Noldi Tobler.

Lehrgang entwickelt

«Mein Job besteht aus Kritik, aber ich muss sie so formulieren, dass das bestmögliche Ergebnis erreicht werden kann», sagt Noldi Tobler. Hier spricht der Personalleiter. Die Kommunikation ist für ihn ein grosses Thema.

Noldi Tobler ist einer der wenigen Menschen, die Mundharmonika unterrichten. Er selber hat sich das Spielen selber angeeignet, «weil ich keine Lust hatte zu singen», wie er sagt. Er hatte in seiner Jugend während acht Jahren Gitarrenunterricht genommen, gibt seine Kenntnisse heute für Begleitgitarre immer noch weiter, und begann dann, zum Gitarrenspiel Mundharmonika zu spielen.

Seine herausragende Spezialität ist, dass er einen Lehrgang für Mundharmonika geschrieben hat, der sich für den Selbstunterricht eignet. Eine CD gehört ebenfalls zum Lehrgang dazu. Volkstümliche Melodien sucht man darin vergebens.

Es sind Titel aus den Bereichen Blues, Jazz, Pop und Rock. Den Swing, Rhythmus und zweistimmiges Spielen auf der chromatischen Mundharmonika beherrscht Noldi Tobler so grossartig, dass er in Klingenthal, der Stadt im sächsischen Vogtland,

die durch den Musikinstrumentenbau bekannt geworden ist, seine Unterschrift auf die Wand schreiben durfte, auf der sich die weltbesten Mundharmonikaspieler verewigt haben.

Der eigene Circus Trettini

In Klingenthal und Leipzig führt Noldi Tobler regelmässig einwöchige Workshops mit Könnern auf diesem Instrument durch. Seine Kenntnisse gibt er in der Klubschule weiter und in der Musikschule Altstätten.

Er hat eine eigene Band – «Noldi Tobler & Band» – und tritt an verschiedenen Orten auf.

Bei seinen Auftritten kommt ihm zugute, dass er früher noch andere Fähigkeiten auslebte. Er trat als Komiker auf, war bei «Benissimo» zu Gast, trat als Duo Vladimir und Vreneli mit seiner Schwester Hunderte von Malen auf und leitete in den 80er- und 90er-Jahren das eigene Freiluft-Varieté Trettini in Herisau, wo er damals arbeitete und Präsident der Musikschule war. So kann heute während eines Konzertes durchaus etwas Komisches oder Ungewöhnlichen passieren.

«Im Herzen muss es stimmen, und vom Gefühl her darf es weder Stress noch Druck geben. Viel Arbeit bedeutet noch nicht Stress», sagt der Musiker zu seiner heutigen Tätigkeit. Was er in seinem Alltag erlebe, gehe tief, sei interessant, kreativ und mit Geld nicht aufzuwiegen. Ausserdem sei das Musizieren Hochleistungssport für das Hirn.

«Es ist wichtig, im Leben aktiv zu bleiben, etwas zu unternehmen, statt einfach nur zu lamentieren», betont der begnadete Mundharmonikaspieler.

Bild: Cecilia Hess-Lombriser

Bild: Cecilia Hess-Lombriser