Noch zu wenig Drive

Flawil. «Heute Konzert in Oberglatt»– dieses Schild am verregneten Ortseingang steht noch nicht in der Begrüssungs-Position, doch aus der Kirche klingen an diesem Sonntag bereits die ersten Sequenzen eines Bläserkonzertes aus der Epoche der Klassik.

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Mitglieder des Ensembles ?igma konzentriert beim Einspielen für das Konzert in der Kirche Oberglatt. (Bild: can.)

Mitglieder des Ensembles ?igma konzentriert beim Einspielen für das Konzert in der Kirche Oberglatt. (Bild: can.)

Flawil. «Heute Konzert in Oberglatt»– dieses Schild am verregneten Ortseingang steht noch nicht in der Begrüssungs-Position, doch aus der Kirche klingen an diesem Sonntag bereits die ersten Sequenzen eines Bläserkonzertes aus der Epoche der Klassik. Warum passt diese Musik wohl nur so gut zur jetzigen Jahreszeit? Es mag an der heiteren Grundstimmung liegen, in welcher sich so recht das frische Grün, die duftige Baumblüte und das emsige Summen der Bienen wiederfinden.

Auch, wenn es von allen Ästen und Blättern tropft und der Weg zur Kirche Oberglatt mit Pfützen gespickt ist.

Ein buntes Gemisch

Über die Bankreihen im Chorraum der Grubenmann-Kirche sind lose Taschen und blumige Schals, Instrumenten-Koffer und darunter ein paar bequeme Turnschuhe verstreut. Für die Presse haben sich die fünf Musikerinnen und Musiker des Ensembles ?igma bereits ins Konzert-Tenue gestürzt. Hornist Christian Holenstein bindet sich noch rasch die weinrote Krawatte um.

Es ist ein engagiertes Gespräch auf Französisch entbrannt, an welcher Stelle des Satzes man nun einsetzen will – das gesamte Konzertprogramm lässt sich in der Vorprobe nicht durchspielen. Man einigt sich, versichert sich und beginnt mitten im übermütigen Allegro-Satz von Anton Reichas D-Dur Quintett.

Akustik berücksichtigen

«Un peut trop vite», meint Klarinettistin Séverine Payet, «Il faut d'attendre».

Christian Holenstein singt die soeben unterbrochene Passage nach seiner Vorstellung kurz vor, Oboistin Nathalie Gullung nickt und ist einverstanden, der nächste Durchgang wird mit angepasstem Tempo gespielt. Vor dem nächsten Satz holt Fagottist Igor Ahss einen Bleistift, den er auf der gepolsterten Kirchenbank zwischen Instrumentenbauer-Werkzeugkästchen und iPhone findet.

Der begonnene Adagio-Satz wird ebenfalls wieder kurz unterbrochen, auf Englisch diskutiert man Ausdruck und Tempo der eben unterbrochenen Stelle, sie wird wiederholt und die neue Tempo-Vorstellung ausprobiert.

Dissonanz ausbalancieren

Der Nachhall in der Kirche muss berücksichtigt werden, zu schnelle Tempi verschmieren die virtuosen Details, die Transparenz geht verloren. Aber trotzdem: «A little bit too slow, isn't it? It doesn't have enough drive.

» Sogar ein Adagio braucht «Drive», das gesunde Mittelmass will erarbeitet werden. Flötistin Anne-Laure Pantillon wird kurz in den Zuschauerraum geschickt, um die Lautstärke zu überprüfen.

Ligetti, kurz noch ein Schluck aus der Wasserflasche. Eine heikle Stelle in einer seiner sechs Bagatelles wird mehrmals angegangen: Dissonanz ist nicht gleich schräg.

Erstreckt sich eine Dissonanz über mehrere Sekunden, muss sie exakt ausbalanciert werden, jeder Viertelston zählt.

Eingespieltes Team

Die Musikerinnen und Musiker von ?igma kennen sich schon lange, sind aufeinander eingespielt, Profis, dennoch braucht jedes Konzert eine intensive Probe im Vorfeld, nichts wird dem Zufall überlassen – Improvisation ist anders.

Auch müssen an jedem Konzertort die baulichen Gegebenheiten wie die Akustik mit in die Gestaltung einbezogen werden. Der Umgangston ist herzlich, aber unnütz Zeit wird nicht veralbert: Konzentriert wird an den Details gefeilt, besonders Ligettis Charakterstücke brauchen Fingerspitzengefühl. Vorfreude auf das Konzert ist jedenfalls an der Probe spürbar. Carola Nadler