NIEDERUZWIL: Galettis Enkelin will auf die Bühne

Der Abschied naht. Am 1. August reist die 20-jährige Niederuzwilerin Jessica Joss nach Hamburg, um an der renommierten Stage School die Basis zur Verwirklichung ihres Berufstraums zu legen: Musicaldarstellerin.

Andrea Häusler
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Strahlende Augen und ein glückliches Lächeln: Jessica Joss freut sich auf ihre Ausbildung in Hamburg. (Bild: Andrea Häusler)

Strahlende Augen und ein glückliches Lächeln: Jessica Joss freut sich auf ihre Ausbildung in Hamburg. (Bild: Andrea Häusler)

Andrea Häusler

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

Der Wunsch, im Rampenlicht zu stehen, das Publikum zu berühren und zu begeistern, dessen Applaus mehr noch denn bare Münze als Lohn für unermüdliche ­Arbeit anzustreben, kommt nicht von ungefähr. Jessica Joss ist familiär vorbelastet. Walter Galetti, der mehrfach preisgekrönte «zweite Grock», der in den 60er-Jahren mit der Nummer «Clown und Ballerina» Weltruhm erlangt hatte, ist ihr Grossvater. Und ihre Eltern hatten sich beim deutschen Zirkus Sarrasani kennen und lieben gelernt: als Artisten.

«Ich wollte nie etwas anderes als auf der Bühne stehen», sagt die 20-Jährige. Tatsächlich schaffte sie einen ersten Schritt dahin bereits im Primarschulalter: als Hobbydarstellerin beim Theater Jetzt in Sirnach. Später wirkte sie bei Aufführungen des Vereins Musicalfieber Flawil mit, zuletzt als Schwester Robert Ann in «Non(n)sens».

Die Emotionen des Publikums spüren

Wäre es nach ihr gegangen, hätte Jessica Joss gleich nach dem Ende der Schulzeit auf Gesang, Tanz und Schauspielerei gesetzt. Ihre Mutter jedoch hielt die Zügel straff. Eine «richtige» Grundausbildung musste her. «Ich begann die Lehre zur Konditorin/Confiseurin, brach diese jedoch ab», gibt die Niederuzwilerin offen zu. Über ein Praktikum habe sie dann in Wil einen Ausbildungsplatz als Fachangestellte Betreuung erhalten. Heute ist sie froh über den Abschluss: «Damit habe ich mir eine ideale Basis geschaffen – vielleicht werde ich ja irgendwann als Theaterpädagogin arbeiten.» Jessica Joss ist sich bewusst, wie hart und steinig ihr Weg sein wird. Und sie ist Realistin genug um zu wissen, dass es keine Erfolgsgarantie gibt. «Rund 1500 Interessierte suchen jährlich über die in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgeschriebenen Workshops den Zugang zur Hamburger Stage School, der grössten Schule für Performing Arts in Deutschland», sagt sie.

Etwa 80 würden aufgenommen, um die 30 nach dreijähriger Ausbildung den Abschluss schaffen. «Bühnendarsteller» seien sie dann. Ein Beruf, der Entwicklungsmöglichkeit in unterschiedlichste Richtungen biete. Auch in den Bereich Film/Schauspielerei. Wobei Jessica Joss die Bühne bevorzugt, im Speziellen die Sparte Musical. Des Publikumskontakts wegen: «Die Emotionen direkt zu spüren, ist unbeschreiblich.» Ihre derzeitige Stärke sieht sie allerdings (noch) nicht primär im Gesang und dem tänzerischen Ausdruck. Obwohl sie Gesangsunterricht nimmt und lange Zeit Jazz getanzt hat. «Ich mache viel aus dem Bauch heraus», sagt sie. An der Stage School werde sie sich auch technisches Wissen aneignen und ihre Fähigkeiten perfektionieren können.

Schweizerdeutsch im WG-Zimmer

Das neue Leben beginnt am Schweizer Nationalfeiertag. Dann geht es mit gepackten Koffern im Auto nach Norden. Jessica Joss ist dankbar, dass ihre Eltern sie begleiten: «Der Abschied wird weniger hart sein, wenn ich bereits von zu Hause weg bin.» Ohnehin erhalte sie von Mama und Papa viel moralische, aber auch finanzielle Unterstützung: «Ohne dies ginge das gar nicht.» Obwohl sie gespart habe. Trotzdem oder gerade deswegen ist Jessica Joss entschlossen, möglichst bald einen Teil ihres Unterhalts in Hamburg selber zu bestreiten. Zwar seien die Unterrichtseinheiten anstrengend und die Präsenzzeiten lang. Dennoch werde sie, sobald sie sich eingelebt habe, einen Nebenjob suchen. Aufgehoben dürfte sie sich indessen schnell einmal fühlen. Denn in ihrem neuen Daheim, einer nach persönlicher Suche am Ort entdeckte WG, wird Schweizerdeutsch gesprochen. «Gleichzeitig mit mir beginnt auch eine junge Thurgauerin die Ausbildung an der Stage School.»

Aufgeregt ist Jessica Joss trotzdem. Der 20-Jährigen steht ein abrupter Schritt in die Selbstständigkeit bevor. Ihre Eltern weiss sie an ihrer Seite, den älteren Bruder, zu dem sie eine innige Beziehung hat, ebenfalls. Sorgen macht sie sich vielmehr um ihren Freundeskreis. Für einen Augenblick erlischt das Strahlen in ihren Augen. «Wenn mich alle besuchen, die es versprochen haben, werde ich kein freies Wochenende haben. Aber werden sie das tun?» Für Sekunden schweigt sie. Dann sprudelt es wieder aus ihr heraus, wie sie sich freue, welch Glück sie habe, das Hobby zum Beruf machen zu können, und wie toll es wäre, dereinst in einem Disney- oder anderen grossen Musical mitzuwirken. «Manchmal kann ich selbst nicht glauben, was passiert ist.»