NIEDERUZWIL: Er ist täglich auf dem Hometrainer

Johann «Hans» Vonwil hat gestern seinen 100. Geburtstag gefeiert. Genauso wie sein Zwillingsbruder Josef «Seppi». Hans, gelernter Schneider, hat sich in seinem Leben vielerorts engagiert.

Tim Frei
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Hans Vonwil ist auch mit 100 Jahren noch oft draussen mit seinem Rollator anzutreffen. (Bild: Tim Frei)

Hans Vonwil ist auch mit 100 Jahren noch oft draussen mit seinem Rollator anzutreffen. (Bild: Tim Frei)

Mehrere Menschen warten gespannt vor dem Lift im Seniorenzentrum Sonnmatt in Niederuzwil. Als die Tür endlich aufgeht, erscheint Johann «Hans» Vonwil mit seinem Rollator. Alle, darunter seine Töchter, Söhne, Verwandte und Oberuzwils Gemeindepräsident Cornel Egger, haben ein Strahlen im Gesicht, klatschen und gratulieren Hans Vonwil zu seinem 100. Geburtstag. Für ihn ist der 3. April 2018 noch aus einem anderen Grund speziell: Auch sein Zwillingsbruder Josef «Seppi» feiert seinen 100. Geburtstag («Wiler Zeitung» vom 3. April).

«Viel erleben, aber nicht übertreiben»

Bei den Feierlichkeiten in Niederuzwil ist Hans’ Bruder zwar nicht dabei, doch spätestens am 14. April werden die eineiigen Zwillinge, die gemäss den Verwandten wahrscheinlich die ältesten der Schweiz sind, wieder vereint sein. Dann steigt ihre Jubiläumsfeier im aargauischen Dietwil, wo die Zwillinge aufgewachsen sind. Ein Geheimrezept, um ein solch stolzes Alter zu erreichen, hat Hans Vonwil nicht. Er rät aber: «Man sollte viel erleben, die Natur in vollen Zügen geniessen und bei allem, was man tut, nicht übertreiben.»

Im Seniorenzentrum trudeln nach und nach weitere Menschen ein, um dem Jubilar zu gratulieren. Dieser nimmt sich für jeden Gratulanten Zeit, was seine älteste Tochter Lisbeth Bischof nicht überrascht: «Unser Vater ist eine sehr offene und liebenswürdige Person.» Eine weitere Eigenschaft sei sein Wissensdurst. «Er hört und sieht zwar nicht mehr gut, doch geistig ist er noch voll da. Um informiert zu bleiben, liest er heute noch täglich Zeitung auf seinem Lesegerät, auf dem er auch Kreuzworträtsel löst.» Auch die Tagesschau gehöre zu seinem Tagesprogramm. Sind die Kinder mit ihrem Vater unterwegs, brauchen sie kein Navi-Gerät. «Er weiss immer, wo es lang geht», sagt Vreni Zumthor, die zweitälteste Tochter von insgesamt sechs Kindern. Und dies, obschon er nur noch ein Augenlicht von fünf Prozent habe. «Das ist beeindruckend. Wahrscheinlich kann er dies mit seinen anderen Sinnen kompensieren.» Auch über seine Beweglichkeit geraten seine Kinder ins Schwärmen. Sein gleichnamiger Sohn sagt: «Er spaziert täglich durch den Park und ‹strampelt› jeden Tag auf seinem Hometrainer.»

Schneidermeister und Laienrichter

Hans Vonwil kann auf ein abwechslungsreiches Leben zurückblicken. Er lehrte Schneider in Lenzburg, wo er auch seine Ehefrau Emma Mathis kennenlernte. Nach der Geburt des zweiten Kindes zog es die Familie in die Ostschweiz, da Hans Vonwil beim Platanenhof in Oberuzwil eine Anstellung als Schneidermeister fand. Später machte er sich selbstständig, um mit seiner Frau Röcke für die Armee zu nähen. Auch sozial und juristisch engagierte er sich: Er war Mitglied beim katholischen Arbeiterbund, Mitbegründer der Genossenschaft Alterssiedlung am Dorfplatz in Oberuzwil sowie Laienrichter am Bezirksgericht Obertoggenburg. «Ich bin dankbar für alles, was ich erleben durfte und dass ich überall gut aufgenommen wurde.» Bevor er im Oktober 2016 ins Seniorenzentrum wechselte, wohnte er über 50 Jahre in Oberuzwil.

Während Kalten Kriegs nach Ungarn gereist

Nach seiner Pensionierung fand er mit der Malerei eine neue Leidenschaft. «Sie gab mir Erfüllung und die Möglichkeit, auf andere Gedanken zu kommen, als meine Frau schwer krank war.» Sie verstarb im Juli 2000. Sein Lieblingssujet war der Bettenauerweiher. «Er ist wunderschön, zudem wohnte ich in seiner Nähe.» Wie viele andere Pensionäre reiste er auch viel und gerne. Mit seiner Frau war er zweimal in der Sahara-Wüste. Die Reise nach Ungarn während des Eisernen Vorhangs bleibt ihm besonders in Erinnerung: «Im Flugzeug durften wir mit niemandem reden.»