Nie einen Biber geschossen

Der erste Biber im Kanton St. Gallen wurde im Jahr 2000 festgestellt. Seither ist der Bestand auf rund 150 Tiere angestiegen. Im Toggenburg siedeln sie vor allem an Thur und Necker.

Katharina Rutz/Urs M. Hemm
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REGION. Wie viele Biber es in seinem Gebiet gibt, kann Wildhüter Max Stacher nicht genau sagen. «Die Reviere an der Thur bis hinauf nach Wattwil und am Necker bis zur Aachsäge, teils sogar bis nach Brunnadern, sind aber von Bibern besetzt», weiss er. Grundsätzlich stelle er fest, dass der Bestand zugenommen habe. Zum Gebiet des Wildhüters Kreis 7 gehören die Toggenburger Gemeinden Oberhelfenschwil, Wattwil (Krinau), Bütschwil-Ganterschwil, Lütisburg, Mosnang, Kirchberg und Neckertal (Wilket-Reitenberg). Dagegen ist im Rayon des Wildhüters Kreis 6, Urs Büchler, die Situation überschaubarer. «Im Grenzgebiet Wattwil-Ebnat-Kappel lebt seit 2008 eine Familie, die zumindest in den vergangenen Jahren Junge hatte», sagt er. Die Lagen weiter thuraufwärts würden nicht mehr dem bevorzugten Lebensraum des Bibers entsprechen. Deswegen habe er dort auch keine Besiedlung feststellen können. Büchler betreut als Wildhüter die Gemeinden von Wattwil bis Wildhaus-Alt St. Johann sowie Hemberg, Lichtensteig und St. Peterzell im Neckertal.

Rund 150 im Kanton St. Gallen

Markus Brülisauer hat im Jahr 2000 an der Glatt in der Nähe von Gossau den ersten Biber im Kanton St. Gallen nachgewiesen. Der heutige Leiter des Fachbereichs Jagd beim kantonalen Amt für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF) war damals als Wildhüter tätig. In den vergangenen 15 Jahren ist die Biberzahl auf rund 150 Tiere angestiegen, schätzt Dominik Thiel, Amtsleiter des ANJF. Immer noch wenige Tiere, im Vergleich zum Kanton Thurgau mit rund 500 Bibern. So verhält es sich auch mit den Schäden. «Wir haben seit 2000 erst ganz wenige Schäden ausbezahlt, jeweils 150 bis 400 Franken», sagt Thiel.

Billiger als der Wolf

Biberschäden werden zu 50 Prozent vom Bund und zu 50 Prozent vom Kanton übernommen. Der Bund gibt schweizweit etwas über 10 000 Franken pro Jahr für Biberschäden aus. «Das ist viel weniger als beim Wolf», sagt Caroline Nienhuis vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) in Bern. Der Bund hat dieses Jahr ein Biberkonzept als Vollzugshilfe für den Umgang mit dem Biber in die Vernehmlassung geschickt. Das Konzept soll Ende Jahr in Kraft treten. Darin ist unter anderem das Vorgehen bei Schäden geregelt. Bezahlt werden allerdings nur Schäden an land- und forstwirtschaftlichen Kulturen, nicht aber an Infrastruktur. Häufig sind dort die Gemeinden die Leidtragenden.

Jagdgesetz anpassen

Aus dem Nachbarkanton ist denn auch eine Standesinitiative beim Bund hängig. Der Vorstoss ging vom Thurgauer SVP-Kantonsrat Paul Koch aus. Der Kanton Thurgau fordert den Bund auf, das Jagdgesetz so anzupassen, dass Infrastrukturschäden durch den Biber, z. B. an Strassen, Kanalböschungen, Entwässerungen und Verbauungen, von Bund und Kanton bezahlt werden. «Das Konzept kann dies nicht regeln, für die Übernahme von Infrastrukturschäden ist eine Gesetzesänderung nötig», erklärt auch Caroline Nienhuis.

«Natürlich hinterlassen die Biber ihre Spuren», sagt Max Stacher. Grundsätzlich würden sich die Schäden aber in Grenzen halten. «Betroffen sind allenfalls Obstbäume, die näher als 30 Meter vom Gewässer entfernt sind, sowie Mais- und Zuckerrübenfelder.» Schäden an Obstbäumen liessen sich aber durch ein Drahtgeflecht einfach verhindern, Mais und Zuckerrüben könnten durch einen Zaun geschützt werden. Augenfällig seien zudem kleinere Rutschungen an Böschungen, wenn die Biber das Ufer unterhöhlen, sagt er.

Breite Akzeptanz

Dass sich der Biber in der Bevölkerung einer breiten Akzeptanz erfreue, darüber sind sich Max Stacher und Urs Büchler einig. So werden auch in Zukunft in der Region keine Abschüsse nötig sein. Eingriffe in die Population sind ebenfalls im Bafu-Konzept geregelt. Zum Abschuss eines Bibers benötigt ein Kanton die Bewilligung des Bundes. Im Kanton St. Gallen wurde laut Silvan Eugster noch nie ein Biber abgeschossen. «Dies wäre auch keine Lösung, da hernach ein anderer Biber in das offenbar geeignete Revier einwandern würde», erklärt der Wildhüter.