Nichts für Morgenmuffel

Morgens um vier, wenn die meisten schlafen, teilt Praxedis Fritsche die Wiler Zeitung aus. Auf ihrem Weg von Briefkasten zu Briefkasten ist sie nicht allein. Sam begleitet sein Frauchen auf Schritt und Tritt.

Vanessa Meier Linero
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Praxedis Fritsche ist eine Frühaufsteherin, das freut auch ihren Hund Sam. (Bild: vml.)

Praxedis Fritsche ist eine Frühaufsteherin, das freut auch ihren Hund Sam. (Bild: vml.)

FLAWIL. Draussen ist es noch dunkel. Und kalt. Leichter Nieselregen fällt vom schwarzen Nachthimmel. Beinahe bilden sich Schneeflocken. Das digitale Thermometer auf dem Autodisplay zeigt gerade mal ein Grad an. Die Strassen sind leer. Fast. Hier und da brennt eine Strassenlaterne, die restlichen werden in einer Stunde eingeschaltet. Auch die Fenster der Flawilerinnen und Flawiler sind dunkel, nur sehr vereinzelt brennt irgendwo ein Badezimmerlicht. Eingepackt in eine dicke Jacke, Stulpen und eine Leuchtweste, mit einem Stapel Zeitungen auf dem Arm und einer Stirnlampe über der Nasenwurzel dreht Praxedis Fritsche mit ihrem Hund die Runde durch das verregnete Flawil.

Gut organisiert und routiniert

Sie macht das jeden Morgen – seit neustem auch am Sonntag. Bei ihrem Depot an der Lindenstrasse liegen die rund 90 Wiler Zeitungen schon bereit. Neben diesen stehen auch einige Bündel des Blicks, des Tages Anzeigers und der Neue Zürcher Zeitung bereit. Die hat ein Chauffeur dort abgeladen, ein pünktlicher Mann. Denn es komme äusserst selten vor, dass er um 3.45 Uhr, wenn Praxedis Fritsche die Zeitungen mit ihrem Auto beim Depot holt, noch nicht da war. «Im Oktober, als es so viel Schnee hingeworfen hatte, hatte er etwas Verspätung.» Grund dafür sei ein umgestürzter Baum gewesen, bei Magdenau. Sie packt alle Zeitungen auf die Beifahrerseite ihres Autos. Leise tönt Musik aus den Boxen.

Erster Halt: Lindenstrasse. Hier parkiert die Verträgerin ihr Auto, um einen Teil der Zeitungen zu verteilen. «Brauchen Sie Licht zum Schreiben?», fragt sie. Denn sie selbst sortiert im Auto im Licht ihrer Stirnlampe die Zeitungen. Um sich zu merken, in welche Briefkästen die Wiler Zeitung eingesteckt werden muss, hat die Verträgerin ein eigenes System ausgeklügelt: In einem Heft hat sie sich aufgelistet, an welchen Tagen der Kunde die Zeitung abonniert hat. «Für jede habe ich eine andere Farbe: Den Blick habe ich mit blauem Leuchtstift markiert und die Wiler Zeitung hat keine Farbe, die verteile ich am häufigsten», erklärt sie. Das Sortieren dauert nicht lange, man merkt, wie routiniert die Verträgerin ist. Dann steigt sie aus dem Auto. «Einige machen die ganze Runde mit dem Velo, andere mit dem Auto. Es ginge vielleicht schneller, wenn ich alles mit dem Auto abfahren würde, aber so bekommt mein Hund Bewegung», sagt sie und öffnet den Kofferraum. Dort sitzt ihr Sam, der schwanzwedelnd darauf wartet, dass sein Frauchen ihn auf die Strasse lässt. «Er gibt mir auch eine gewisse Sicherheit. Nicht, dass ich mich im Dunkeln fürchte. Aber es ist doch schön, zu wissen, dass man nicht alleine ist.»

Grundsätzlich stehe sie gerne am Morgen um drei Uhr auf. «Man gewöhnt sich daran, und ich mache es ja schon mehr als ein Jahr. Ich bin sogar froh, wenn ich morgens endlich losdüsen kann.» Dafür sei sie aber abends um zehn schon «zimli duure», dann müsse sie wirklich ins Bett. So könne sie fünf Stunden schlafen und das reiche ihr. «Ich habe meinen eigenen Tagesrhythmus. Um 6.30 Uhr müssen alle Zeitungen in den Briefkästen der Flawilerinnen und Flawiler liegen», erklärt Praxedis Fritsche. Neben ihr seien in Flawil morgens noch fünf weitere Zeitungsverträger unterwegs, die sie manchmal auf ihrer Runde trifft.

Nette Erfahrungen

Zurück im Auto fährt sie einige Minuten und legt ihren zweiten Halt an der St. Gallerstrasse ein. Hier scheint eine Strassenlaterne nicht zu funktionieren. «Normalerweise ist es hier nicht so dunkel», sagt die Flawilerin entschuldigend. Doch sie habe Glück heute, denn wenn es richtig regne, müsse sie immer erst die Zeitungen in einen Plastik einpacken, damit sie nicht nass würden.

«Im Dezember ist es so schön gewesen, da haben einige Flawiler Karten in den Briefkasten gelegt. <An den Zeitungsboten> stand darauf. Manchmal war sogar ein kleines Präsent mit lieben Weihnachtswünschen dabei», erzählt sie. «Ich habe mich unglaublich gefreut, denn als ich selbst noch nicht die Zeitungen austrug, habe ich mir gar nicht überlegt, dass jemand am Morgen die Zeitung in den Briefkasten legt. Ich habe mir darum gemerkt, wer eine Karte geschrieben hat und habe am nächsten Tag auch eine Weihnachtskarte eingeworfen.»

Bei ihrem dritten Halt, an der Fichtenstrasse, lässt Praxedis Fritsche ihren Hund von der Leine. «Wenn ich Ferien habe, werde ich meistens von einem älteren Mann vertreten. Keller heisst er, er ist wirklich top. Er vertritt mich auch kurzfristig, wenn ich einmal krank bin», erzählt sie anerkennend.

Vierter Halt: Landbergstrasse. Erwartungsvoll schaut Sam zu seiner Besitzerin hoch. «Ja, Hunde sind sehr schlau. Er weiss, dass ich hier immer seinen Gummiball auspacke», lacht die aufgestellte Frau und wirft einen gelben oval geformten Ball einige Meter weit. Schwanzwedelnd rennt der Hund ihm nach, während Praxedis Fritsche die Zeitungen in die Briefkästen legt. «Es gibt Orte, an denen ich ihn aber nicht freilassen könnte. Wir sehen nämlich oft einen Fuchs auf unserer Runde.»

Bei ihrem letzten Halt an der Stockenstrasse verrät sie: «Hier bin ich froh, dass ich Sam dabei habe. Wegen des kleinen Waldstücks, fürchte ich mich hier schon ein bisschen.» Sie habe deshalb, zusammen mit ihrem Mann, ihre Route genau geplant, so dass sie zum Schluss in die Stockenstrasse gehe. Jetzt brennen nämlich auch hier die Strassenlaternen. Zurück auf der St. Gallerstrasse ist Flawil erwacht: Berufstätige marschieren hektisch zum Bahnhof, während Praxedis Fritsche nach Hause fährt.

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