Nicht so hart ins Gericht gehen

Selbstmitleid, Schuld- und Schamgefühle haben viel mit Selbstwert zu tun, sagte Seelsorger André Böhning am ersten Kurs am Montag des Frühlingssemesters in der Psychiatrischen Klinik Wil.

Ruth Bossert
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André Böhning (Bild: Ruth Bossert)

André Böhning (Bild: Ruth Bossert)

WIL. Für André Böhning, Seelsorger der Kantonalen Psychiatrischen Dienste Sektor Nord in Wil, Supervisor und Coach, gibt es in jeder Lebens- und Familiengeschichte Erfahrungen und Episoden, die einem mal mehr, mal weniger unangenehm sind oder durch die man sich schuldig fühlt. Rund 100 Interessierte nahmen am vergangenen Montagabend die Gelegenheit wahr, beim ersten Anlass des Frühlingssemesters mehr zu erfahren über belastende Gefühle, die Menschen seit jeher kennen.

«Der Vorleser» als Basis

Mit Ausschnitten aus dem Film «Der Vorleser» nach dem gleichnamigen Buch von Bernhard Schlink gelang es dem Referenten schnell, einzutauchen in die verschiedenen Charaktere der Protagonisten, welche mit Schuld, Scham, Verdrängung und emotionalen Erblasten konfrontiert und belastet sind. Als vermeintlichen Ausweg wählen diese Charaktere oft das Selbstmitleid und erfahren aber rasch, dass die emotionalen Verstrickungen noch mehr zunehmen.

Eigene Wertung überprüfen

Das Verhalten von Erwachsenen stehe in Korrespondenz mit den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen und manifestiere sich oft im Selbstwertgefühl, erklärte Böhning. Wer als Kind Sicherheit und Versorgung, Zugehörigkeit, Kontakt und Austausch erlebt habe, könne auch ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln und leide nicht unter Schuld- und Schamgefühlen. Wem es möglich war, als Kind die Welt in Besitz zu nehmen, Anerkennung, Bestätigung und Ermutigung zu erfahren, sei weniger gefährdet, in die Falle des Selbstmitleides zu fallen.

Trotzdem, erklärte Böhning, sei das Selbstmitleid ein ernstzunehmendes Gefühl und dürfe keineswegs unter den Teppich gewischt werden. «Wir müssen das Gefühl annehmen, darüber reden und schauen, dass wir möglichst rasch wieder daraus herauskommen», sagte er. Es gelte nicht, sich selber zu verurteilen. Viel wichtiger sei es, so Böhning, die eigene Wertung zu überprüfen und die eigenen Wahrnehmungen mit den realen Tatsachen zu vergleichen. «Sehen mich andere Menschen auch so oder ist mein Blick nach innen getrübt?», sei eine wichtige Frage des Leidenden.

Noch vor 50 Jahren versuchte man in der Erziehung Missstände zu verdecken. Über gewisse Dinge wurde nicht gesprochen. Es ging dabei um Selbstentwertung und das Abspalten von inneren Emotionen und Gefühlen. Böhning sprach von Schattenakzeptanz und Fehlerfreundlichkeit, was über kurz oder lang bei vielen Menschen zu einem Selbstwertproblem führte. Problematisch sei, dass viele Menschen ihre anerzogenen Werte oft unbewusst weitergeben.

Dilemma: Kopf und Bauch

Auf der Basis verschiedener therapeutischer Ansätze versuchte Böhning, Wege zu einem positiven Selbstwertgefühl aufzuzeigen, was einigen Besuchern nicht ganz genügte. So verlangte eine Besucherin mehr konkrete Ansätze, eine andere Frau wollte wissen, weshalb man Patienten Medikamente verschreibe, welche die eben angesprochenen Gefühle unterdrücken. Und das ständige Dilemma zwischen Kopf und Bauch konnte ebenfalls nicht gelöst werden.