Nicht nur der Duft verschwindet

Die Metzgerei Metzger im Dorfkern Kirchbergs schliesst im April. Zu wenig Umsatz, begründet die Chefin Lydia Hollenstein den Entscheid. Für sie beginnt nach rund 30 Jahren in dieser Metzgerei ein neuer Lebensabschnitt – auf der Alp.

Sebastian Keller
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Lydia Hollenstein in ihrer Metzgerei: «Den Ofenfleischkäse habe ich heute morgen gemacht. Er zählte zu unseren Spezialitäten.» (Bild: seb.)

Lydia Hollenstein in ihrer Metzgerei: «Den Ofenfleischkäse habe ich heute morgen gemacht. Er zählte zu unseren Spezialitäten.» (Bild: seb.)

KIRCHBERG. Die Nase merkt es zuerst. Beim Betreten der Metzgerei Metzger riecht es, wie es nur in einer Metzgerei riechen kann. Doch dieser Duft verschwindet. Weil die Träger des Duftes verschwinden: der Ofenfleischkäse, der Braten, das Kalbssteak, die Würste. Am Samstag, 21. April, ist die Dorfmetzg am Tellplatz letztmals geöffnet. «Es war eine schöne Zeit», sagt Metzgerei-Chefin Lydia Hollenstein rückblickend.

Sieben Jahre

Im Oktober 2005 übernahm sie die Metzgerei vom ihrem damaligen Chef. Insgesamt hat sie – mit Unterbrüchen – rund 30 Jahre hier gearbeitet. Das Fleisch, die Würste verkauften sich gut. Anfangs. «Seit zwei Jahren ist der Umsatz rückläufig», erzählt die Chefin im kleinen Büro neben dem Verkaufsraum. «Zuerst dachte ich, der Umsatz erholt sich wieder.» Denn: Schwankungen gab es immer. «Früher kauften die Menschen am Freitag und Samstag fürs Wochenende ein. Das glich eine schlechte Woche wieder aus.» Doch der Abwärtstrend blieb. «Ich habe mir gesagt: Lieber aufhören, bevor es uns erstickt.» Die Arbeit mache ihr immer noch Freude. «Aber es muss doch finanziell stimmen.» Auch die Zukunft der beiden Mitarbeiterinnen beschäftigte sie. Erleichtert sagt sie nun: «Jede hat eine Lösung gefunden.»

Wenig Nachwuchs-Kunden

Was sind die Gründe? «Die fehlenden Kunden», sagt Lydia Hollenstein. Ihre Stammkunden seien tendenziell älter, kaufen kleine Portionen – «80 Gramm Hackfleisch». «Die jüngeren Kunden fehlen, die Familien mit Kindern, die grosse Portionen brauchen, bleiben mehrheitlich aus.» Zu ihren Stammkunden sagt sie: «Ich weiss unterdessen, wie dick sie ihr Stück Fleisch mögen.» Man kenne sich mit Namen, auch anschreiben war möglich. «Sie waren sehr treu und sind mir ans Herz gewachsen.» Die Frage nach den Ursachen, wieso der Nachwuchs an Kunden fehlt, sei schwierig zu beantworten. «Die Menschen kaufen vieles beim Grossverteiler», vermutet Lydia Hollenstein. Die tieferen Preise spielen wohl eine Rolle. «Und die Menschen können alles an einem Ort kaufen.» Auch Tankstellen würden Fleischwaren sieben Tage die Woche verkaufen. «Aber das ist nicht dasselbe wie ein handgemachtes Cordon Bleu aus der Metzgerei», sagt die Metzgerei-Chefin. Wut? «Nein», sagt sie, «ich bin eher traurig.» Dann lacht die Chefin, wie sie es häufig tut. Ihre positive Energie ist spürbar. Sie zuckt mit den Schultern: «Ich verstehe es einfach nicht.» Dass das gemeindeeigene Haus für Betagte kein Gramm Fleisch in ihrer Metzgerei kauft, verstehe sie nicht. «Wir sind zu teurer, hiess es jeweils», sagt sie. Auch Dorf- und Vereinsanlässe hätte sie gerne mit Fleisch- und Wurstwaren beliefert. «Eine Metzgerei gehört doch zum Dorf.» Auch der Ruf des Fleisches habe gelitten: Fernsehbilder über miserable Tierhaltung im Ausland – «da macht der Konsument wohl keinen Unterschied. Aber wir können jedes Stück Fleisch zurückverfolgen.»

Nun ein neuer Lebensabschnitt

Auf einem A5-Zettel informiert sie ihre «geschätzte Kundschaft» über die bevorstehende Schliessung. Spezialitäten können bis Ende März bestellt werden – zum Tiefkühlen. Ein Nachfolger sei nicht in Sicht, weiss Lydia Hollenstein, die Fleisch immer noch gerne isst. «Am liebsten geniesse ich ein Kalbssteak oder einen saftigen Braten.» Für sie beginnt jetzt ein neuer Lebensabschnitt: «Ich kann jetzt Verantwortung abgeben, was schön ist.» Und in Zukunft rechnet sie mit einem fixen Lohn. Bei ihrem Bruder auf der Farneralp, Goldingen SG, hat sie eine Stelle gefunden. Er führt dort ein Bergrestaurant. Ihre Nase wird sich umgewöhnen müssen: Neben den Kindern, die nach einem Rädchen Fleischkäse gieren, und den Stammkunden wird ihr vor allem eines fehlen: «Der Duft meiner Metzgerei.»