Glosse

Neujahrsvorsätze: Veränderung braucht Zeit

Im Seitenblick - der wöchentlichen Glosse der Wiler Zeitung - geht es dieses Mal um Neujahrsvorsätze.

Gianni Amstutz
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Gianni Amstutz

Gianni Amstutz

Bild: Hans Suter

Die Zeichen sind unübersehbar. Das Verkaufspersonal an den Kiosken registriert in diesen Tagen ein Umsatzrückgang, weil die Zigaretten plötzlich weniger Abnehmer zu haben scheinen. Ein ganz anderes Bild in den Fitnesszentren. Hier bilden sich Schlangen bei den Geräten. Jeder scheint plötzlich seiner Gesundheit etwas Gutes tun zu wollen und strampelt sich dafür auf einem stationären Fahrrad ab oder stemmt Gewichte auf dem Weg zum Wunschkörper.

Selbst jemand, der keine Agenda hat und gerade aus einem Koma aufgewacht ist, bemerkte ob dieser Anzeichen schnell einmal: Der Jahreswechsel kann noch nicht lange her sein. Denn mehr noch als mit Korkenknallen und Silvesterböllern geht dieser mit guten oder gutgemeinten Vorsätzen einher.

Allzu oft scheitern diese Vorsätze bereits Ende Januar. Es scheint auch unlogisch, wieso es damit gerade zum Jahreswechsel besser klappen sollte als an jedem anderen beliebigen Datum. Schliesslich verändert sich bis auf die Jahreszahl nichts. Der Wille des Rauchers, der eigentlich schon seit länger Zeit versucht den Glimmstängeln abzusagen, ist am 1. Januar nicht plötzlich stärker, seine Sucht nicht wie von Zauberhand irgendwo im Jahresübergang zwischen Sektgläsern und Neujahrsglückwünschen verschwunden.

Das Datum ändert sich, die Menschen jedoch nicht, könnte ein nüchternes, ja vielleicht sogar pessimistisches Fazit lauten. Sie ändern sich zumindest nicht vom einen auf den anderen Tag. Und schon gar nicht an einem bestimmten Datum in besondere Art und Weise, wie das die Neujahrsvorsätze suggerieren. Sind also alle, die sich Vorsätze machen naive Träumer, die sich ohne Jahreswechsel nicht dazu aufraffen können, Veränderungen umzusetzen? Das ist eine Betrachtungsweise. Vielleicht sind aber auch alle anderen, die jene kritisieren, die sich Vorsätze machen, selbst nur zu feige, sich verändern zu wollen – egal, ob zum Jahreswechsel oder sonst wann.

Die Wahrheit liegt wohl wie so oft in der Mitte. In diesem Sinn ein Hoch auf alle, die versuchen, sich in eine positive Richtung zu entwickeln. Und sei dies nur, indem sie sich vornehmen, im nächsten Jahr weniger über die Vorsätze andere zu stänkern.