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Tschechoslowakisches Ehepaar flüchtete mit altem Skoda in die Schweiz

Vor 50 Jahren begann für Katarina Sagath und Jaroslav Podhradsky ein neues Leben in der Schweiz. Es war so nicht vorgesehen und kam völlig überraschend. Der Grund: Das Ende des Prager Frühlings.
Michael Hug
50 Jahre nach der Flucht aus der Tschechoslowakei stehen Jaro Podhradsky und Kata Sagath wieder vor dem Schulhaus Egg, wo sie zuerst Deutsch lernen mussten. (Bild: Michael Hug)

50 Jahre nach der Flucht aus der Tschechoslowakei stehen Jaro Podhradsky und Kata Sagath wieder vor dem Schulhaus Egg, wo sie zuerst Deutsch lernen mussten. (Bild: Michael Hug)

Die Schülerinnen und Schüler von Lehrer Altherr im Schulhaus Egg in Degersheim staunten nach den Sommerferien nicht schlecht: Zwei Neue wurden vorgestellt, Katarina und Jaroslav. Etwas erschrocken standen sie vor der Wandtafel, etwas fahl im Gesicht, und als die beiden «Guten Tag» sagten, verstand man sie nicht. «Jaroslav und Katarina kommen aus der Tschechoslowakei», sagte Lehrer Altherr, «und sie werden ab jetzt bei uns zur Schule gehen.» Tschecho… was? Lehrer Altherr zeigte auf die Europakarte und erklärte den Sachverhalt, doch die Erst- bis Drittklässler kapierten immer noch nicht so recht. Dann verschwanden die beiden wieder, ins Handarbeitszimmer im ersten Stock. Deutschunterricht. Von da an wurden Kata und Jaro, wie sie bald hiessen, erst mal nur noch in den Pausen gesehen.

Zwei Monate im «Hirschen»

Die vierköpfige Familie Sagath und die dreiköpfige Familie Podhradsky wohnten im Sommer 1968 im Eggauer «Hirschen». Zwei Monate später waren die zwei Flüchtlingsfamilien plötzlich verschwunden und im Schulzimmer gingen sie vergessen. Der Prager Frühling, das Ende dessen und der Einmarsch der Sowjets in Prag, die Flucht vieler Tschechoslowaken in den Westen – das waren Ereignisse, von denen die damals sechs- bis neunjährigen Eggauer Kinder nichts mitbekamen, geschweige denn erfassen konnten. Für Jaro Podhradsky und Kata Sagath spielte sich der Sommer 1968 etwas anders ab: «Ich erinnere mich, dass wir in Jugoslawien in den Ferien waren, Camping, wie jedes Jahr. Wir wollten gerade heimfahren, es war der 21. August, als vor uns die Grenze nach Ungarn geschlossen war.» Vater Podhradsky wich nach Westen aus und steuerte den alten Skoda nach Wien. Wo man aber feststellen musste, dass alle Zeltplätze überfüllt waren – mit tschechoslowakischen Ferienrückkehrern. «Ein Wiener Taxifahrer, der etwas Tschechisch sprach, schilderte uns die aktuellen Ereignisse. Die Russen seien in Prag einmarschiert. Bis zu diesem Moment wollten meine Eltern nach Hause, aber jetzt entschlossen sie sich, nicht mehr zurückzukehren», erzählt Jaro Podhradsky.

Ein internationales Hilfsprogramm lief an, die verwirrten Tschechoslowaken wurden informiert. «Im Konvoi fuhren alle mit ihren klapprigen Autos in die Schweiz. Mit nichts als den Kleidern am Körper, dem alten Skoda und einem Zelt kamen wir in Buchs an.» Kata Sagath erzählt Ähnliches, ergänzt aber: «Mein Vater war ein bekannter Antikommunist, er durfte es nicht wagen, heimzufahren. Meine Mutter wäre gerne zurückgegangen.»

In Buchs lernten sich die beiden Familien kennen. Mit Hunderten weiteren Flüchtlingen wurde die Nacht in einer Turnhalle verbracht. Kata Sagath und Jaro Podhradsky lernten sich kennen und verloren sich 50 Jahre lang nicht mehr aus den Augen.

Anerkannte Flüchtlinge, aber staatenlos

Nach dem zweimonatigen Aufenthalt im «Hirschen» konnten beide Familien im gerade neu gebauten Flawiler «Eschenhof» ein neues Zuhause beziehen. Die Eltern fanden bald auch Arbeitsstellen. Jaroslav Podhradsky zog später nach Degersheim und übernahm 1982 das Heizungs- und Sanitärunternehmen, das sein Vater in der Zwischenzeit aufgebaut hatte. Katarina Sagath machte sich mit einem Coiffeursalon selbstständig.

Ein neues Leben begann, doch sie blieben anerkannte Flüchtlinge und somit staatenlos. Podhradsky liess sich mit 19 Jahren einbürgern: «Ich wollte nicht warten, bis ich so alt bin, dass ich nicht mehr ins Militär musste. Ich sagte mir, wenn ich Schweizer werden will, will ich auch die RS machen.»

Sprache des Mutterlandes vergessen

Der Status als Staatenloser hatte keine Vorteile, sagt Sagath: «Man musste für viele Länder, sogar wenn ich für Skiferien nach Österreich fahren wollte, ein Visum besorgen.» So liess auch sie sich einbürgern. Ihren Namen musste sie dabei ändern lassen: «Eigentlich heisse ich Katarina Šagáthová, ausgesprochen als Schagatova. Die Behörden sagten, das Š gibt es hier nicht und das ova ist ein Zusatz für Frauen in der Slowakei, den es hier nicht braucht. Ich musste mich entscheiden: Sagath oder Schagath.» Beide wollten nicht in die Slowakei zurück: «Unsere Heimat ist hier in der Ostschweiz. Ich kann ja nicht einmal mehr slowakisch», sagt Kata Sagath.

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