Neuer CEO der Psychiatrie St. Gallen Nord: «Ein Stigma kann nur aufgelöst werden, wenn man darüber spricht»

Niklaus Baumgartner, neuer Leiter der Psychiatrie St. Gallen Nord, spricht über seine Ziele und das Stigma, das der Psychiatrie anhaftet. Um die Vorurteile zu bekämpfen, setzt Baumgartner auf Transparenz.

Dinah Hauser
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Niklaus Baumgartner steht hinter dem Ziel der PSGN, eine offene Psychiatrie zu schaffen. (Bild: PD)

Niklaus Baumgartner steht hinter dem Ziel der PSGN, eine offene Psychiatrie zu schaffen. (Bild: PD)

Die Psychiatrie St. Gallen Nord (PSGN) hat seit Anfang Juni einen neuen CEO: Niklaus Baumgartner. Er ist seit über zwölf Jahren in der Psychiatrie tätig. Im Interview spricht er über seine Ziele mit der PSGN, was für ihn moderne Psychiatrie bedeutet und wie den Vorurteilen entgegengewirkt werden kann, die gegenüber psychischen Erkrankungen und der Psychiatrie per se bestehen.

Sie sind ausgebildeter Hotelier. Wie kamen Sie zur Psychiatrie?

Niklaus Baumgartner: Für mich war es immer wichtig, mit Menschen zusammenzuarbeiten. Das hatte ich in der Hotellerie, wo ich Erfahrungen in der Schweiz wie auch im Ausland gesammelt habe. Nach einigen Jahren in der Hotellerie fasste ich einen Branchenwechsel ins Auge – hin zu einer sinnstiftenden Tätigkeit mit nachhaltigem gesellschaftlichen Nutzen. So nahm ich Einsitz in die Geschäftsleitung zweier Alters- und Pflegeheime und fand dort den Einstieg in das Gesundheitswesen. Über eine geschlossene Demenzabteilung kam ich das erste Mal in Kontakt mit der Psychiatrie und schliesslich an die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich. Den Branchenwechsel habe ich bisher nie bereut.

Seit Anfang Juni sind Sie CEO der Psychiatrie St. Gallen Nord (PSGN). Wie haben Sie sich eingelebt?

Ich habe in den sechs Wochen ein intensives Einführungsprogramm absolviert. Zum einen am Hauptsitz in Wil, wo ich mein Büro habe, zum anderen an den Standorten Rorschach und St. Gallen. Den Besuch in Wattwil werde ich bald nachholen. Ich habe überall hochmotivierte Mitarbeitende und gut eingespielte Teams kennen gelernt. Allgemein habe ich viele positive Eindrücke gewonnen.

Sie waren vorher stellvertretender CEO an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich (PUK). Was ist an der PSGN anders?

Die PUK ist die grösste universitäre Psychiatrie der Schweiz und etwa dreimal so gross wie PSGN. Die Führungsarbeit hier ist viel direkter. Man ist bei der PSGN näher bei den Mitarbeitenden und den Patienten. Zudem ist der universitäre Teil weniger stark ausgeprägt. Die PSGN hat zwar auch einen Lehrauftrag und betreibt Forschung, aber nicht im gleichen Ausmass wie die PUK. Man kann sich hier besser auf die optimale Behandlung der Patienten fokussieren.

Sie haben mit dem vorherigen PSGN-Leiter Markus Merz die Plätze getauscht. Wie kam es dazu?

Das geschah rein zufällig, denn die Prozesse liefen zeitversetzt und unabhängig voneinander. Zuerst wurde die Stelle des CEO der PUK öffentlich ausgeschrieben, worauf sich Markus Merz bewarb. Erst als bekannt wurde, dass Markus Merz neuer Leiter der PUK wird, konnte die Stelle bei der PSGN öffentlich ausgeschrieben werden.

Wieso haben Sie sich entschieden, sich an der PSGN zu bewerben?

Die Vorstellungen der PSGN, in welche Richtung sich die Psychiatrie entwickeln soll, decken sich gut mit meinen eigenen. Zudem war nach zwölf Jahren als stellvertretender CEO an der PUK der Zeitpunkt richtig, beruflich den nächsten Schritt zu machen. Meine Erfahrungen an der PUK will ich nun hier gewinnbringend für die Patienten einbringen. Eine angenehme Neben­erscheinung ist, dass ich nun an meinem Wohnort arbeiten kann. Mir bringt das mehr Flexibilität und ich kann die Familie und den Beruf besser unter einen Hut bringen. Somit war die Ausschreibung eine einmalige Chance, die ich mir nicht entgehen lassen wollte.

Welche Ziele verfolgen Sie mit der PSGN?

Die PSGN steht für eine qualitativ hochstehende, offene Psychiatrie. Dazu gehört der Miteinbezug der Patienten in die Behandlung. Wir legen Wert auf einen respektvollen Umgang auf Augenhöhe – mit all unseren Anspruchsgruppen. Hinter dieser Zielsetzung kann ich stehen.

Welche Herausforderungen stehen an?

Ein wichtiges Ziel ist die Umsetzung der Kooperationsstrategie, die der Verwaltungsrat der Psychiatrieverbunde des Kantons St. Gallen lanciert hat. Dabei geht es darum, die Angebote der beiden Psychiatrien des Kantons St. Gallen – der PSGN und der Psychiatrischen Dienste Süd – aufeinander abzustimmen, um Synergien zu nutzen. Ein Patient soll an jedem der insgesamt neun Standort die gleichen Leistungen in gleich hoher Qualität in Anspruch nehmen können; egal ob er in Rapperswil oder in Wil in ein Ambulatorium geht. Zudem sind wir daran, kantonsweite Spezialangebote zu entwickeln und einzuführen. Beispiele dafür sind ein Angebot für Schlafstörungen in Rorschach oder eine Spezialstation für stressbedingte Erkrankungen in Wil.

Spüren Sie den Personalmangel der Gesundheitsbranche?

Es wird immer schwieriger, gut qualifizierte Fachleute zu rekrutieren, insbesondere in der Medizin und der Pflege. Erschwerend kommt hinzu, dass sehr gute Deutschkenntnisse in der Psychiatrie von grosser Wichtigkeit sind.

Wieso?

Im Spital hat man Hilfsmittel wie Röntgen oder MRI, um herauszufinden, wo der Schuh drückt. In der Psychiatrie ist das Gespräch mit dem Patienten oder mit Angehörigen ein zentrales Element – sei es bei der Diagnose oder in der Behandlung beispielsweise in Form einer Psychotherapie. Wir sind also darauf angewiesen, dass sich Patient und Arzt oder Therapeut sprachlich einwandfrei verstehen.

Niklaus Baumgartner ist seit Anfang Juni CEO der Psychiatrie St. Gallen Nord mit Hauptsitz in Wil. (Bild: PD)

Niklaus Baumgartner ist seit Anfang Juni CEO der Psychiatrie St. Gallen Nord mit Hauptsitz in Wil. (Bild: PD)

Die PSGN stellt ambulante vor stationäre Behandlungen. Wieso?

Die Verschiebung von stationären Leistungen in den ambulanten Bereich ist eine Tendenz, die vom Bundesamt für Gesundheit wie auch von den kantonalen Gesundheitsdirektoren gefördert wird. Es hat sich herausgestellt, dass viele Behandlungen, die früher einen stationären Aufenthalt notwendig gemacht haben, heute ambulant durchgeführt werden können. Zum einen erwartet man Kosteneinsparungen. Zum anderen ist ein stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie oftmals ein massiver Eingriff in den Alltag eines Patienten. Es ist deshalb häufig ein Vorteil, wenn der Patient so lange wie möglich in seinem gewohnten Umfeld bleiben kann. Auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass es schwere psychische Erkrankungen gibt, bei denen eine stationäre Behandlung notwendig ist.

Gibt es heute mehr psychisch kranke Menschen als früher?

Die Fachmeinung ist, dass psychische Erkrankungen statistisch nicht zugenommen haben.

Sind sie denn heute sichtbarer?

Vermutlich hat es damit zu tun. Heute wird vermehrt über psychische Erkrankungen gesprochen. Das Thema ist fast täglich in den Medien präsent. Öffentliches Interesse und Wissen um psychische Erkrankungen nehmen zu.

Was ist moderne Psychiatrie?

Moderne Psychiatrie heisst, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. In der Fachwelt bezeichnet man das als Recovery. Das bedeutet, wir wollen den Patienten nicht nur behandeln, sondern ihn auch aktiv in seine Behandlung und Behandlungspläne mit einbeziehen und seine Bedürfnisse so genau wie möglich wahrnehmen. In diesem Zusammenhang setzen wir auch auf Peer-Personen. Das sind ehemals psychisch kranke Menschen, die eine Weiterbildung absolviert haben und nun als Bindeglied zwischen Patient und Fachpersonen agieren.

Warum ist es immer noch schwierig, darüber zu sprechen?

Wenn man mit einem gebrochenen Bein aus den Sportferien zurückkommt, kann man problemlos darüber reden. Aber wenn eine Frau ein Kind zur Welt bringt und mit der neuen Situation nicht zurechtkommt, wird es schwieriger. Zuerst muss man sich eingestehen, dass man Unterstützung braucht. Das dann seinem Umfeld offen zu kommunizieren, das braucht eine gewisse Überwindung. Ein gebrochenes Bein verheilt in der Regel gut, der Gips ist weg und man sieht nichts mehr. Psychische Erkrankungen hingegen sind häufig nie ganz weg und begleiten ein Leben lang. Einerseits können die Symptome bei gewissen psychischen Erkrankungen auch nach langer Zeit wieder auftreten. Zum anderen haftet häufig ein Stigma an betroffenen Personen.

Was braucht es, um der Stigmatisierung entgegenzuwirken?

Es braucht eine Öffnung der Psychiatrie nach aussen, also Transparenz: Was machen wir und wie machen wir es? Wir machen nichts Geheimes oder Verbotenes. In der Vergangenheit hat man vieles hinter verschlossenen Türen gehalten. Diese Zeiten sind vorbei. Wir wollen dieser Stigmatisierung entgegenwirken, indem wir den Dialog zur Psychiatrie aktiv fördern und dadurch psychisch erkrankten Menschen eine Stimme geben. Ein Stigma kann nur aufgelöst werden, wenn man darüber spricht.

Wie sieht die Öffnung der Psychiatrie in Wil aus?

Jährlich organisieren wir zum Beispiel über 100 Veranstaltungen, zu denen wir Fachleute, aber auch die lokale Öffentlichkeit einladen. Unser Areal in Wil ist öffentlich zugänglich. Es wird von Schülern als Schulweg oder von Spaziergängern als städtisches Naherholungsgebiet genutzt. Unser Naturpark ist bei der Bevölkerung beliebt. Beim 125-Jahr-Jubiläum vor zwei Jahren hatten wir über 4000 Gäste auf dem Areal in Wil. Letzten April haben wir das neue Aufnahmegebäude eingeweiht und die Bevölkerung zum Tag der offenen Tür eingeladen. Sie sehen, wir pflegen wirklich aktiv den Dialog.

Es scheint immer noch eine Hemmschwelle zu geben, dass sich Personen aktiv Hilfe suchen oder in Anspruch nehmen. Was wünschen Sie sich?

Das kommt auch etwas auf die Generation an. Die Jungen haben da eher weniger Hemmungen, sich zu informieren. Die ältere Generation wird wohl eher erst im Umfeld nachfragen oder beim Hausarzt, wenn sie denn noch einen haben. Was uns als Psychiatrie hilft, ist, wenn ehemalige Patienten offen und ehrlich über ihre Erkrankung sprechen können, was diese mit ihnen gemacht hat und wie ihnen geholfen wurde. Das passiert bereits, aber ich würde mir dies noch verstärkter wünschen. Natürlich habe ich Verständnis für jene, welche nicht darüber reden wollen oder können.

Wen können psychische Erkrankungen betreffen?

Es kann jeden treffen, das ist vielen Leuten zu wenig bewusst. Landläufig sagt man oft auch «nimm dich ein bisschen zusammen, dann geht es schon». Aber es gibt psychische Erkrankungen, da geht es ohne professionelle Unterstützung nicht oder nicht mehr.