Nein zur Schulhaus-Initiative

Kommentar Das Komitee hinter der Quartierschulhaus-Initiative möchte im Städeli ein Schulhaus bauen. Der Zeitpunkt ist verfrüht. Erst soll die Schulraumplanung konkretisiert werden. Von Philipp Haag Dass Bedarf an Schulraum besteht, ist unbestritten Zu viele

Merken
Drucken
Teilen

Kommentar

Das Komitee hinter der Quartierschulhaus-Initiative möchte im Städeli ein Schulhaus bauen. Der Zeitpunkt ist verfrüht. Erst soll die Schulraumplanung konkretisiert werden. Von Philipp Haag

Dass Bedarf an Schulraum besteht, ist unbestritten

Zu viele

Fragen sind noch nicht geklärt

Am nächsten Wochenende stimmen die Wilerinnen und Wiler über die Quartierschulhaus-Initiative ab. Ein überparteiliches Komitee möchte für die Kinder aus dem Norden der Stadt ein Schulgebäude realisieren. Das Grundstück an der Grundstrasse ist im Besitz der Stadt, ein 2,6 Millionen Franken teures Projekt für ein modulares Schulhaus liegt griffbereit in der Schublade von Schulratspräsidentin Marlis Angehrn.

Das Schulhaus Nord ist aber umstritten. Es bewegt die Gemüter, spaltet die Stadt. Die Wiler Ortsparteien sind in zwei Lager geteilt. Die Links-Rechts-Pole spielen. Während die GLP, die SVP und die FDP die Quartierschulhaus-Initiative unterstützen, sind die CVP, die SP und die Grünen Prowil dagegen. Auch der Stadtrat lehnt die Quartierschulhaus-Initiative ab.

Schulraumnot: Ja oder Nein?

Der Bedarf an neuem Schulraum ist unbestritten. Dass ein Schulraumnotstand herrscht, darüber gehen die Meinungen aber auseinander. Kinder aus dem Norden der Stadt werden beim Kirchplatz in Provisorien unterrichtet. Etliche Wilerinnen und Wiler erachten diese Übergangslösungen als nicht mehr länger zumutbar, einer Stadt wie Wil nicht würdig. Andere wiederum finden die Ersatzschulräume als annehmbar, sogar den umstrittenen und vom Initiativ-Komitee bildlich als Schreckensszenario verwendeten Coiffeursalon.

Die Diskussion über das Schulhaus Nord wird auch auf einem Nebenschauplatz geführt, einem vermeintlichen Nebenschauplatz, ist das Thema doch hochemotional: die soziale Durchmischung von Schweizer Kindern mit Kindern mit Migrationshintergrund. In den Wiler Schulhäusern herrschen frappante Unterschiede. Während in der Primarschule Lindenhof der Anteil an fremdsprachigen Kindern bei 76 Prozent liegt, beträgt er beim Schulhaus Kirchplatz 15 Prozent. Die Gegner der Initiative werfen den Eltern vom Hofberg vor, ihre Kinder separieren, vor einer Durchmischung schützen zu wollen. Sie sprechen von Partikular-Interessen eines Quartiers, die der gesamtstädtischen Perspektive zuwider laufen. Die Initianten wehren sich gegen die ihrer Meinung nach von der Politik gegen den Willen der Bevölkerung verordnete soziale Durchmischung auf dem Buckel von Kindern.

Eine Schule in Zentrumsnähe

Die soziale Durchmischung, beziehungsweise deren Mangel, war eines der Argumente des Parlaments, als es im Jahr 2011 das von der Stadt vorgeschlagene Modularschulhaus im Städeli zurückwies und den Stadtrat beauftragte, eine Schule in Zentrumsnähe zu prüfen. Einhergehen soll eine Analyse der Schulraumsituation, gekoppelt an die Schulraumplanung. In diese Schulraumplanung fliesst das Kathi mit ein. Wie der Stadtrat die Mädchenschule in die Botschaft zur Quartierschulhaus-Abstimmung aufnahm, war aus Sicht des Stiftungsrates unangebracht.

Es ist in der Tat heikel, das Kathi in einen Zusammenhang mit der Initiative zu stellen. Seit Jahren schwelt ein Konflikt zwischen der städtischen Exekutive und dem Stiftungsrat über die künftige Ausrichtung der Mädchenschule. Dieses politische Minenfeld sollte so schnell als möglich entschärft werden. Die heilige Kuh sollte gehäutet, aber nicht geschlachtet werden. Sprich: Es sollten neu Knaben aufgenommen sowie Realklassen geführt werden. Primarschüler im Kathi einzuquartieren, das wäre dann doch ein Schritt zu viel.

Soziale Durchmischung: Ja oder Nein?

Dann sollte der Stadtrat klären, wie das Volk zu einer sozialen Durchmischung in den Schulhäusern steht. Ist sie «nur» ein Anliegen der Politik, oder kann sich die Bevölkerung damit einverstanden erklären? Bekennt sie sich zur sozialen Durchmischung, sollten städtebauliche Massnahmen, vielleicht über den Richtplan, ergriffen werden. Die soziale Durchmischung über die Schulhäuser zu steuern, ist nur bedingt möglich. Der Faktor Geld darf bei einem Schulhaus keine Rolle spielen, trotz der in den nächsten Jahren auf die Stadt zukommenden Zusatzkosten sowie die angekündigte Steuerfusserhöhung. Wer sich einen Sportpark Bergholz für 60 Millionen Franken leistet, dem sollte, bei ausgewiesenem Bedarf, auch ein Schulhaus für einige Millionen wert sein.

Schulweg ist nicht ohne Risiko

Unterschätzt werden darf auf keinen Fall der Schulweg. Auch wenn er für die Sozialisierung der Kinder nicht unwichtig ist, ihrer Gesundheit nicht abträglich ist, so ist ein Schulweg entlang vielbefahrener Strasse nicht risikolos. Die Ängste der Eltern müssen ernst genommen werden. Ausserdem sollte die Länge akzeptabel sein.

Zu viele Fragen sind derzeit noch nicht geklärt, zu viele Faktoren noch offen, als dass ein Pflock eingeschlagen werden sollte. Marlis Angehrn sollte die Gelegenheit haben, die Analyse der Schulraumsituation abzuschliessen, die Schulraumplanung voranzutreiben und weiter zu entwickeln.

Erst wenn die Kathi-Frage gelöst, die Thematik der sozialen Durchmischung so gut als möglich erörtert, gar entschieden, sowie der langfristige Bedarf an Schulraum geklärt sind, sollte eine Abstimmung über ein Schulhaus und dessen Standort durchgeführt werden.

Darum zum jetzigen Zeitpunkt ein Nein zur Quartierschulhaus-Initiative. Der Zeitpunkt ist verfrüht. Für den Stadtrat sollte der Urnengang aber Ansporn und Auftrag sein, die Schulraumplanung innert Jahresfrist zu konkretisieren sowie so schnell als möglich Ergebnisse und Lösungen zu präsentieren.

philipp.haag@wilerzeitung.ch