Negativspirale bedroht Einkaufszone

Viele Geschäftsflächen in der Stadt Wil stehen leer. Sowohl für Büroräume als auch für Ladenlokale finden sich nur schwer neue Mieter. Das macht das Überleben für bestehende Geschäfte zu einer Herausforderung.

Lara Wüest
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Das Modehaus Schild wird an der Oberen Bahnhofstrasse in Zukunft nicht mehr zu finden sein. Bild: Lara Wüest

Das Modehaus Schild wird an der Oberen Bahnhofstrasse in Zukunft nicht mehr zu finden sein. Bild: Lara Wüest

Ob Ladenlokale, Büroräume oder Gastroflächen – in Wil stehen derzeit zahlreiche von ihnen leer. Immer mehr Unternehmen sahen sich in letzter Zeit gezwungen, ihre Geschäfte zu schliessen, wie diese Zeitung berichtete. So etwa Kuhn Back & Gastro und die Modehäuser OVS und Schild an der Oberen Bahnhofstrasse sowie Yogurtlandia im Stadtmarkt. Die Bäckerei Kuhn scheint jedoch einen Untermieter gefunden zu haben (siehe Kasten).

Ein Blick auf das Immobilienportal newhome.ch zeigt: In Wil werden rund 40 Gewerbeflächen zur Miete angeboten. «Das sind einige», sagt Gabriel Walzthöny. Er ist Immobilienfachmann bei Büchler Immobilien in Sirnach und Uzwil. Er sagt: «Wenn eine Geschäftsfläche erst einmal leer steht, finden die Hauseigentümer oft keine Nachmieter.» Vor allem Büroräume vermieten sich in Wil nur schwer. Gemäss Zahlen der Immobilienberatungsfirma Wüest und Partner sind 11 Prozent von sämtlichen Büroflächen in Wil zur Miete ausgeschrieben. Das ist weit über dem Schweizer Durchschnitt von 6,6 Prozent. Im Kanton St. Gallen sind es sogar nur 4,7 Prozent. «Es gibt zwar vereinzelt Städte in der Schweiz, in denen mehr Büros zur Miete angeboten werden, doch diese Zahl ist bemerkenswert», sagt Robert Weinert, Leiter des Immo-Monitorings bei Wüest und Partner.

«Situation hat sich zugespitzt»

Büroräume waren in Wil schon immer schwerer zu vermieten als etwa in Zürich oder Winterthur. Robert Weinert sagt jedoch, dass sich die Situation in den vergangenen Jahren noch zugespitzt habe. «In Wil wurde viel gebaut, auch Büros. Nun herrscht ein Überangebot.» Erschwerend komme hinzu, dass sich der Dienstleistungssektor, der viele Büros brauche, eher in grösseren Städten wie St. Gallen, Winterthur oder Zürich ansiedle. «Die Unternehmen gehen lieber dorthin. Vor allem wenn die Mietpreise mit Wil vergleichbar sind.»

Kaum besser sieht es bei den Ladenflächen aus: Für 3 Prozent der Wiler Verkaufsflächen suchen Immobilienbesitzer derzeit einen neuen Mieter. In der Schweiz sind es im Durchschnitt nur 1,7 Prozent. Besonders schwer finden sich neue Mieter für die Innenstadt: «In Wil leben viele Pendler. Ihre Lebensmittel kaufen die Leute im Einkaufszentrum auf dem Heimweg», sagt Robert Weinert.

Der Verkauf von Kleidern, Büchern oder Elektrogeräten wandert dagegen ins Internet ab. Diese Konkurrenz treibt bestehende Läden in den Konkurs. Und wer eine neue Verkaufsfiliale eröffnet, mietet sich nicht zwingend an einem zentralen Standort in der Innenstadt ein, da die Mietpreise in der Peripherie weniger hoch sind. Online-Kunden ist es egal, wo ein Laden steht. Zusammengenommen führt das zu einer Negativspirale: Je mehr Geschäfte leer stehen, desto weniger Leute kommen in die Stadt zum Einkaufen, da das Angebot nicht mehr attraktiv ist. «Es wäre schade, wenn in Zukunft noch weitere Läden schliessen müssten», sagt Gabriel Walzthöny.

«Es braucht eine grosse Vielfalt an Läden»

Mit diesem Problem steht Wil jedoch nicht alleine da, gemäss einer Credit Suisse Studie kommen den Verkaufsflächenanbietern immer mehr Mieter abhanden. Auch in der Kantonshauptstadt St. Gallen etwa kämpfen die Läden ums Überleben. St. Galler Politikerinnen und Politiker verlangten deshalb kürzlich, dass die Stadt eine Lenkungsabgabe auf leer stehende Ladenlokale einführt, eine Busse also, für zu hohe Mieten.

Auch in Wil forderte die SVP-Stadtparlamentarierin Ursula Egli die Stadt zum Handeln auf. Die Detailhändler bräuchten mehr unternehmerischen Spielraum. Parkieren in der Innenstadt solle zeitweise gratis werden. Der Stadtrat hält jedoch wenig von ihren Vorschlägen. Konkrete Massnahmen, wie die Innenstadt für Einzelhändler wieder attraktiv werden soll, will dieser im letzten Quartal des laufenden Jahres bekannt geben.

Dass Gratisparkieren und tiefere Mieten das Problem der leeren Geschäftsflächen lösen können, bezweifeln Immobilienfachleute. Gabriel Walzthöny sagt: «Gratisparkplätze alleine genügen nicht.» Und Robert Weinert glaubt nicht, das tiefere Mieten die Konkurrenz des Online-Handels langfristig ausstechen können. Er sagt: «Es braucht eine grosse Vielfalt an Läden, damit die Kunden nach Wil zum Einkaufen kommen.» Und das sei nur erreichbar, wenn sich Immobilieneigentümer besser über künftige Mieter austauschen würden. «Diesen Dialog sollte die Stadt fördern.»

Kuhn will untervermieten

Vor über zwei Monaten ist die Kuhn Back & Gastro AG, kurz Bäckerei Kuhn, aus der Oberen Bahnhofstrasse ausgezogen. Das Lokal ist seither verwaist, nur das typische rote Logo mit weissem Schriftzug an der Aussenwand des Gebäudes verwies bis vor kurzem noch auf die frühere Bäckerei. Doch nun ist auch das Logo verschwunden, nichts deutet mehr auf den Bäckerei- und Gastrobetrieb hin. Der Grund: Richard Kuhn scheint einen Untermieter gefunden zu haben. Dies bestätigt die Hausbesitzerin Feride Hasani auf Anfrage. «Kuhn hat uns einen Untermieter vorgestellt.» Die zwei Parteien hätten den Untermietvertrag bereits unterschrieben. Nun würde nur noch ihre Unterschrift fehlen. Wer der neue Mieter ist, will Hasani noch nicht verraten. «Das geben wir erst bekannt, wenn der Vertrag unter Dach und Fach ist.» Allerdings sei das nur noch «Formsache». Nur so viel verrät sie: «Auch der neue Betreiber plant ein Café, in dem er Mittagessen anbietet.» Einer aus Wil sei er und die Eröffnung für Mitte November geplant.

Kuhn schloss mit den Hauseigentümern einen Zehn-Jahres-Vertrag ab und muss die nächsten sechs Jahre noch für die Miete aufkommen. Die Filiale in Wil hatte Kuhn erst 2014 eröffnet. Scheinbar lief das Geschäft schlecht. Kuhn begründete seinen Entscheid, das Lokal zu schliessen, damit, dass er die Frequenz falsch eingeschätzt habe und die Betriebswirtschaftlichkeit unbefriedigend gewesen sei. Die weiteren Standorte, etwa in St. Gallen, Zürich oder Zuzwil laufen scheinbar besser, sie bleiben bestehen. Bereits im Juli sah Richard Kuhn sich gezwungen, die Öffnungszeiten in Wil zu verkürzen. Elf Teilzeitarbeitende waren von der Schliessung betroffen. Für sie konnten zum Teil «interne Lösungen» gefunden werden. Kuhn selber war für eine Auskunft nicht zu erreichen, da er in den Ferien weilt. (law)