Natürliche Vielfalt zulassen: Diese Wiler Landschaftsarchitektin zeigt, wie das funktioniert

Gemäss einem Bericht der Vereinten Nationen ist der Rückgang der Biodiversität dramatisch. Was für die Artenvielfalt entscheidend ist, erläutert eine Landschaftsarchitektin in einem Wiler Wohnquartier.

Adrian Zeller
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Ein kleiner Hang im Wiler Weinbergquartier: Was für den Laien wie ein Wildwuchs aussieht, ist in Tat und Wahrheit eine gezielt angelegte Vegetation für Pflanzen und Kleintiere. (Bild: PD)

Ein kleiner Hang im Wiler Weinbergquartier: Was für den Laien wie ein Wildwuchs aussieht, ist in Tat und Wahrheit eine gezielt angelegte Vegetation für Pflanzen und Kleintiere. (Bild: PD)

«Da unten ist der Bewuchs anders», erklärt Landschaftsarchitektin Andrea Schwörer. Sie deutet auf das Ende am Fuss eines kleinen Hangs im Wiler Weinbergquartier. «Dies ist ein Zeichen dafür, dass es dort feuchter ist.» Bei genauerem Hinsehen wird es offensichtlich: Die rosa Blüten kommen dort nicht vor. Am oberen Teil ist dagegen die Saat-Esparsette, so ihr Name, nicht zu übersehen.

Der gelb blühende Wundklee ist auf der ganzen Fläche zu erkennen, ihr scheint die Bodenfeuchtigkeit weniger auszumachen. Das Gelb kontrastiert sich mit dem intensiven Violett des Wiesensalbeis. Zwischen Gräsern gedeihen Skabiosen, Hahnenfuss, einzelne Margriten sowie Glockenblumen. In einer Ecke der Fläche steckt eine Distelart noch in einem frühen Entwicklungsstadium.

Nur für Laien ein Wildwuchs

Lanschaftsarchitektin Andrea Schwörer. (Bild: PD)

Lanschaftsarchitektin Andrea Schwörer. (Bild: PD)

Was für Laien wie Wildwuchs einer sich selbst überlassenen Fläche aussieht, ist für Andrea Schwörer auf den ersten Blick unverkennbar eine gezielt angelegte Vegetation: «Im Fachhandel sind für jeden Standort abgestimmte Samenmischungen erhältlich», erklärt sie. Wie das Beispiel zeigt, können wenige Meter deutlich erkennbare Unterschiede im Bewuchs bewirken, die Einflussfaktoren sind in erster Linie die Menge an Sonneneinstrahlung, der Feuchtigkeits- und Nährstoffgehalt. «Hier würde ich zum Beispiel Schotter einarbeiten, damit der Boden noch magerer wird», erläutert die Landschaftsplanerin. Dadurch würden weitere Pflanzenarten erscheinen. Ein Übermass an bestimmten Nährstoffen kann zur Dominanz bestimmter Sorten führen, die andere verdrängen.

«Derartige Standorte wie dieser werden in der Regel erstmals Mitte Juli geschnitten, damit sich die Pflanzen versamen können», so das Vorstandsmitglied der Wiler Naturgruppe Salix. Nicht nur für die Förderung der Artenvielfalt ist der relativ späte Schnitt vorteilhaft: «Der Boden trocknet in der Sommerhitze weniger rasch aus, die Blätter und Halme schützen die Humusschicht. Gleichzeitig bieten sie Käfern, Ameisen und weiteren Kleintieren ein Sonnendach.»

Grössere Vielfalt, grösseres Nahrungsangebot

Bei einer Grünfläche in der Nähe zeigt die Fachfrau auf, was passiert, wenn eine Anlage intensiv gemäht wird: Die Artenvielfalt reduziert sich auf Gänseblümchen, Hahnenfuss, Löwenzahn und verschiedene Gräserarten. Während sich in der Naturfläche im Verlauf der Vegetationsperiode unterschiedliche Pflanzen ablösen und so für ein sich ständig veränderndes Erscheinungsbild sorgen, variiert der Bewuchs bei der anderen Fläche wenig. Durch den häufigen Schnitt können sich verschiedene Gewächse nicht etablieren und versamen.

Eine reiche Vielfalt an Blüten vergrössert dagegen das Nahrungsangebot für Insekten und andere Kleinlebewesen. Einzelne Raupen und Schmetterlinge sind etwa auf bestimmte Futterpflanzen fixiert, kommen diese kaum vor, nimmt auch die Population der Schmetterlinge erheblich ab. Die Expertin betont: «Bis vor wenigen Generationen waren unsere Grünflächen sehr variationenreich, erst in den letzten Jahren sind sie eintönig geworden. Wir denken immer, es müsse alles ‘gepützelt’ wirken, dabei wäre eine grosse Vielfalt für die Natur viel zweckmässiger.»