NATURKINDER: Kastanienfeen statt Plastikpuppen

Stiefel statt Finken, Holzäste statt Bauklötze. Als einziger Ort im Kanton bietet Flawil einen Waldkindergarten an. Doch der Boom hat nachgelassen. Dieses Schuljahr sind es gerade noch zehn Kinder.

Andrea Häusler
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Gespielt und erzählt wird so oft es geht mit und anhand von Materialien, die der Wald in den verschiedenen Jahreszeiten hergibt. (Bilder: Andrea Häusler)

Gespielt und erzählt wird so oft es geht mit und anhand von Materialien, die der Wald in den verschiedenen Jahreszeiten hergibt. (Bilder: Andrea Häusler)

Andrea Häusler

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

Es ist einer der letzten Schultage vor den Weihnachtsferien. Das Thermometer zeigt minus drei Grad – kälter als derzeit am Nordpol, wie eben auf Radio FM1 zu hören war. Flawil liegt unter einer dicken Nebeldecke. Nur schemenhaft wahrnehmbar ist der Kiesweg, der vom Parkplatz der Büchi Labortechnik AG hinunter zum Rehwald führt. Plötzlich durchdringen Kinderstimmen die milchige Wolkensuppe.

Fast gleichzeitig zeichnet sich zwischen den kargen, blattlosen Büschen der Bauwagen des Waldkindergartens ab. Acht in dicke Skianzüge und Pudelmützen gepackte Kinder knien etwas abseits um einen Adventskranz. Es ist ruhig geworden. Kindergärtnerin Selina Barts erzählt mit gedämpfter Stimme von Feen, die den Tieren im Wald mit Sternen zur Seite stehen. ­16 Kinderaugen hängen an ihren Lippen und an der Elfe aus einer Kastanie, die sie in der Hand hält.

Riesige Chance für die Entwicklung der Kinder

Selina Barts ist die Flawiler Waldkindergärtnerin und seit Sommer im Team: mit pädagogischem Fachwissen, aber auch mit ­ganzem Herzen. Vom Wert des Unterrichts im Freien ist sie überzeugt. Mehr noch: Sie sieht darin eine riesige Chance für die Entwicklung der Kinder. Speziell auch solcher, die eher schüchtern sind und in grösseren Gruppen «unterzugehen» drohen. Nicht zuletzt aufgrund der Klassengrössen am unteren Limit biete der Waldkindergarten noch mehr Freiraum für die persönliche Entwicklung der Vorschulkinder.

«Der Bauwagen ist unser Raum», sagt Selina Barts. Hier werde einmal wöchentlich gemeinsam gekocht und er biete bei ausserordentlichen Witterungsbedingungen Schutz. Eine Bäbi-oder Bauecke gebe es nicht. Denn der «Chindsgi»-Alltag spiele sich fast ausschliesslich im Freien ab – auch wenn es einmal regne oder eben – wie an diesem Tag – winterlich kalt sei. Wichtig sei einfach die richtige Kleidung. Aber die brauche es ja auch im Regelkindergarten, wenn die Kinder die Pausen im Freien verbringen.Im Waldkindergarten wird anders gelernt. Die Kinder erleben durch direkte Begegnungen, setzen sich auch mit sich selber auseinander. «Sie entdecken etwas, und dies wird dann unser Thema», erklärt Selina Barts, während sie mit verschiedenen Zutaten einen «Krafttrunk» mischt und den Kindern in bunten Pappbechern als Znüni-Beilage reicht. Das selbständige, selbstverständliche Lernen über eigene Erfahrungen und Erkenntnisse stehe dabei im Vordergrund. Dennoch spielt sich nicht die gesamte Unterrichtszeit im Wald ab. Einen Tag pro Woche verbringen die Kinder im kon­ventionellen Kindergarten und ­lernen dort auch den Betrieb des Regelkigas kennen. Derzeit besuchen zehn Kinder den Waldkindergarten. Dass die Gruppe mehrheitlich aus Buben besteht, ist laut Selina Barts zufällig. Und für die Mädchen überhaupt kein Problem: «Die vermögen sich gut zu behaupten.» Die Geschichte von den tierliebenden Feen ist längst zu Ende erzählt.

Die Kinder haben die selbst- gemachten, mit Sonnenblumenkernen gespickten Fettsterne ­behändigt und suchen geeignete Zweige, um sie aufzuhängen. Als Festmahl zu Weihnachten für die Vögel des Waldes.

Kindergärtnerin Selina Barts «krönt» ein stolzes Winter-Geburtstags-kind mit einem Mistelzweig.

Kindergärtnerin Selina Barts «krönt» ein stolzes Winter-Geburtstags-kind mit einem Mistelzweig.