Nah, und doch so weit weg

Flüchtlinge dominieren zurzeit die Medien. Im Fernsehen wird täglich in bewegenden Bildern über neue Flüchtlingswellen berichtet.

Hans Suter
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Bild: Hans Suter

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Flüchtlinge dominieren zurzeit die Medien. Im Fernsehen wird täglich in bewegenden Bildern über neue Flüchtlingswellen berichtet. Doch bewegen uns diese Bilder tatsächlich, haben wir uns nicht schon längst daran gewöhnt? Sind wir noch in der Lage, hinter diesen Flüchtlingsmassen Einzelschicksale wahrzunehmen, ihre Sorgen, Nöte, Überlebensängste zu spüren? Hört man sich auf der Strasse und in Gaststätten in unserer Region um, bekommt man Erstaunliches zu hören. Ein Mann poltert, es handle sich bei den meisten nicht um Flüchtlinge, sondern um Tunichtgute, Militärdienstverweigerer und Wirtschaftsflüchtlinge, die nur am europäischen Wohlstand teilhaben wollten. Auf die Frage, ob er denn Näheres dazu wisse oder ob das seine persönliche Meinung sei, antwortet er ungehalten: «Du verdammter Sozi, euch haben wir diese Misere zu verdanken.» Einige stimmen zu, andere schütteln den Kopf. Eine Frau erzählt, sie habe in der Zeitung ein Bild gesehen, auf dem ein Retter ein totes Flüchtlingskind von einem europäischen Strand wegtrage. Ganz alleine, keine Mutter, kein Vater, keine Geschwister, die den Tod des Kleinkindes betrauerten. «In was für einer Welt leben wir?», fragt sie mit weinerlicher Stimme. «Wie ist es möglich, dass ein kleines Flüchtlingskind im Meer ertrinkt und es unsere Herzen kaum mehr berührt?» Dann nimmt die Frau ihren ganzen Mut zusammen, richtet sich auf und sagt kämpferisch: «Es ist unmenschlich, ganze Flüchtlingsfamilien als Schmarotzer von uns weisen, wo wir sie nicht einmal kennen und sie nie aufrichtig angehört haben. Es ist an der Zeit, dass wir als Mitmenschen Verantwortung übernehmen.» Ein Mann hört der Frau mit gesenktem Haupt zu und wischt sich eine Träne aus den Augen. Er kam vor 22 Jahren als Flüchtling in die Schweiz.

hans.suter@wilerzeitung.ch