Nachdem ein Kind in Wil in einen Schacht gefallen ist, stellt sich eine Frage: Weshalb war der Deckel nicht geschlossen?

Am Sonntagabend ist ein Kind in Wil in einen überfluteten Abflusschacht gefallen. Jetzt zeigen neue Erkenntnisse: Der Schachtdeckel könnte bewusst entfernt worden sein. Doch was ist der Grund dafür?

Hans Suter
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Die Normalsituation: Der Schacht dient der Entwässerung des Reitplatzes und ist mit einem Gitterdeckel abgedeckt.

Die Normalsituation: Der Schacht dient der Entwässerung des Reitplatzes und ist mit einem Gitterdeckel abgedeckt.

Bild: Hans Suter

Ein tragischer Unfall ist meist dadurch gekennzeichnet, dass er sich plötzlich ereignet und nicht vorhersehbar ist. Genau das ist am Sonntagabend auf dem überfluteten Reitplatz Obere Weierwise in Wil eingetreten. Ein Knabe ging um 16.45 Uhr zusammen mit Erwachsenen und weiteren Kindern dem Reitplatz entlang. Der benutzte Kiesweg am westlichen Rand des Platzes stand zu diesem Zeitpunkt leicht unter Wasser. Dann geschah das Unerwartete: Das Kind versank plötzlich im Wasser. Wie sich später zeigte, fiel es in einen Entwässerungsschacht am Wegrand, der offenbar nicht abgedeckt war.

Über einen wenige Meter entfernten zweiten Schacht konnte der viereinhalbjährige Bub in kritischem Zustand von der Feuerwehr geborgen werden. Der Zustand des schwer verletzten Kindes wird als stabil bezeichnet.

Warum war der Schacht nicht abgedeckt?

Nebst dem Bangen um das verunglückte Kind steht seither die eine Frage im Raum: Warum war der Schacht nicht abgedeckt? War es ein Zufall, ein Lausbubenstreich? Oder war es eine direkte oder indirekte Folge des Hochwassers? Die Antwort liegt möglicherweise näher als erwartet. Aus physikalischer Sicht ist kein Grund ersichtlich, dass die Wassermassen den Schachtdeckel hochgehoben haben könnten.

Im Gegenteil: Der Wasserdruck würde eher ein Anpressen des Gitterrostes vermuten lassen. Sodann verbleibt die These, dass der Schachtdeckel absichtlich entfernt worden war. Das wiederum kann aus verschiedenen Gründen geschehen sein, zum Beispiel als Lausbubenstreich.

Weit realistischer scheint die Annahme, dass der Deckel wegen einer drohenden Abflussverstopfung bewusst entfernt worden war. Das herauszufinden, ist nun die Aufgabe von Staatsanwaltschaft und Polizei.

Die Situation beim Unglück: Der offenbar nicht abgedeckte Schacht liegt unter Wasser. Mit Schaltafeln gelingt es der Feuerwehr, den Wasserabfluss zu vermindern und den Jungen zu bergen.

Die Situation beim Unglück: Der offenbar nicht abgedeckte Schacht liegt unter Wasser. Mit Schaltafeln gelingt es der Feuerwehr, den Wasserabfluss zu vermindern und den Jungen zu bergen.

Bild: Kapo St.Gallen

Wurde der Deckel bewusst entfernt?

Fakt ist, dass bei ungenügendem Wasserabfluss die Reithalle unter Wasser gesetzt würde. Das ist schon wiederholt vorgekommen, weshalb in den vergangenen Jahren Vorkehrungen getroffen wurden. Was lässt sich seitens des Reitklubs Wil dazu sagen? Die neue Vereinspräsidentin, Barbara Patscheider, war bis Redaktionsschluss nicht erreichbar. Etwas Licht ins Dunkel bringt aber ihr Amtsvorgänger, der Wiler Unternehmer Charly Gämperle. «Ich habe den Bau dieses Schachtes und des Kieswegs in meiner Präsidialzeit noch selber veranlasst», sagt er. Er wäre nicht erstaunt, wenn der Schachtdeckel zum Schutz der Reithalle entfernt worden wäre. Gämperle sagt:

«Um die Reithalle vor dem Wasser zu schützen, muss der Abfluss freigehalten werden.»

Da sei es naheliegend, den Deckel mit Blick auf den Objektschutz zu entfernen. Dass es je zu einem solchen Unglück kommen könnte, sei fern jeglicher Vorstellung gewesen:

«Das Unmögliche ist passiert,
damit hätten wir nie gerechnet.»

Wie sieht das die Polizei? «Die Kantonspolizei St.Gallen hat Kenntnis von dieser Tatsache», sagt Hanspeter Krüsi, Leiter Kommunikation der Kapo St.Gallen. «Wir werden diesen Sachverhalt in unserem Rapport an die Staatsanwaltschaft festhalten. Über weitere Schritte entscheidet die Staatsanwaltschaft.»

Eine immer wiederkehrende Situation: Führt der Krebsbach Hochwasser, wird der Reitplatz auf der Oberen Weierwise mit Wasser überflutet und verwandelt sich in einen See. Im Mittelalter lag hier der künstlich angelegte Obere Weier. Seit 1952 ist es ein Reitplatz.

Eine immer wiederkehrende Situation: Führt der Krebsbach Hochwasser, wird der Reitplatz auf der Oberen Weierwise mit Wasser überflutet und verwandelt sich in einen See. Im Mittelalter lag hier der künstlich angelegte Obere Weier. Seit 1952 ist es ein Reitplatz.

Bild: Kapo St.Gallen

Zurück zum Ursprung

Das Gebiet Obere Weierwise, wo sich heute die Reithalle und der Reitplatz befinden, könnte sich in den nächsten Jahren stark verändern. Das aktuelle Hochwasserschutzprojekt sieht vor, die Fläche künftig bei Hochwasser als Retentionsbecken zu nutzen. Das Stadtparlament wird sich bald mit der Vorlage befassen.
Der heutige Stadtweier und der ehemalige Obere Weier sind künstliche Bauwerke. Der trennende Weierdamm wurde 1470 aufgeschüttet, um den Krebsbach zum Oberen Weier zu stauen. Er diente zur Zucht von Fischen, die im katholischen Wil an den zahlreichen Fastentagen in grosser Zahl verzehrt wurden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts führte der Obere Weier nur noch temporär Wasser und erreichte wohl auch nicht mehr seine einstige Grösse. Im Winter diente er zur Gewinnung von Eis für die damalige Hofbrauerei und wird bis in die heutige Zeit als Eislauffläche genutzt. An der Stelle des Oberen Weiers liegt heute die Obere Weierwise mit dem Reitplatz, der Badeanstalt und den landwirtschaftlich genutzten Flächen.
Die Schreibweisen «Weier» ohne «h» und «Wise» ohne «ie» sind historisch bedingt und in Wiler Flurnamen auch heute noch gebräuchlich. (hs)

Quellen: Wil Net, IG Weierwisen