Nach Verurteilung des Todesfahrers von Jonschwil spricht jetzt der Witwer des Opfers: «Mit dem Urteil kann ich leben, nicht aber damit, dass er noch Auto fährt»

Das Kreisgericht Wil hat den Verursacher des tödlichen Verkehrsunfalls am Dorfeingang von Jonschwil zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Der Witwer der getöteten Frau verspürt Genugtuung, seine Verzweiflung aber ist geblieben.

Andrea Häusler
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Fotos, Kerzen, Plüschtiere: Die imaginäre Gegenwart seiner verstorbenen Frau ist Mehmet Molla nach wie vor wichtig. Auf der Strasse zwischen der Bushaltestelle links und ihrem Arbeitsplatz bei der Hardegger Käserei AG verlor Rita Molla ihr Leben.
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Fotos, Kerzen, Plüschtiere: Die imaginäre Gegenwart seiner verstorbenen Frau ist Mehmet Molla nach wie vor wichtig. Auf der Strasse zwischen der Bushaltestelle links und ihrem Arbeitsplatz bei der Hardegger Käserei AG verlor Rita Molla ihr Leben.

Fotos, Kerzen, Plüschtiere: Die imaginäre Gegenwart seiner verstorbenen Frau ist Mehmet Molla nach wie vor wichtig. Auf der Strasse zwischen der Bushaltestelle links und ihrem Arbeitsplatz bei der Hardegger Käserei AG verlor Rita Molla ihr Leben.

Bilder: Andrea Häusler

Es ist ein Montag, der das Leben von Mehmet Molla für immer verändert hat. Das Datum, der 8. Januar, hat sich unauslöschlich in sein Gedächtnis gebrannt. Denn es war jener Tag, an dem er vergeblich auf die Heimkehr seiner Frau wartete, an dem ihrer statt zwei Polizeibeamte vor der Türe standen, um ihm zu sagen, dass Rita tot sei. Sie, seine grosse Liebe, war jene «in der Gegend wohnhafte 51-jährige Schweizerin, die um 18.15 Uhr beim Überqueren der Unterdorfstrasse in Jonsch­wil von einem Auto erfasst und tödlich verletzt worden war», wie tags darauf sachlich in den Medien zu lesen war.

Zwischen dem Unfall und der Gerichtsverhandlung vom vergangenen Mittwoch liegen knapp zwei Jahre. Mehmet Molla sitzt auf dem zweiplätzigen Sofa mit der himbeerroten Kuscheldecke im Wohnzimmer seiner bescheidenen Erdgeschosswohnung in Uzwil. Der Fernseher ist eingeschaltet, der Laptop aufgeklappt. Auf dem Display wird die Facebook-Seite des heute 22-jährigen Unfallverursachers angezeigt.

«Er fährt noch immer Auto – bis heute musste er den Führerschein nicht abgeben.»

Mehmet Molla starrt auf den Bildschirm, schüttelt den Kopf. Er verstehe das nicht, sagt er. Später beschwichtigt ihn sein Anwalt am Telefon: Der Ausweis werde schon eingezogen, darauf könne er sich verlassen. Aber warum erst jetzt? Der Jurist weiss es nicht.

Psychische und physische Probleme

27 Monate Gefängnis, davon 19 Monate bedingt mit einer Probezeit von vier Jahren. So lautete das Urteil der Wiler Kreisrichter. Wobei dieses noch nicht rechtskräftig ist. «Eine sehr milde Strafe dafür, dass er alkoholisiert, abgelenkt und mit massiv überhöhter Geschwindigkeit ein Menschenleben ausgelöscht und ein zweites zerstört hat», findet Mehmet Molla. Dennoch sagt er:

«Mit dem Urteil kann ich leben, nicht aber damit, dass er nach wie vor Auto fährt.»

Die vergangenen Monate haben den 50-jährigen, in Deutschland aufgewachsenen Türken gezeichnet, ihn psychisch und physisch krank gemacht. Er leide unter Panikattacken und Herzproblemen, müsse täglich Medikamente einnehmen, finde keinen Schlaf mehr.

Mit einer schwachen Handbewegung und abgewandtem Blick weist er zur Tür des einst gemeinsamen Schlafzimmers: «Ich kann es nicht mehr betreten, verbringe die Nächte hier auf dem Sofa.» Und diese seien lang, sagt er: «Die Bilder, der Unfall – was war, holt mich immer wieder ein.»

Die Sache mit der Aufenthaltsbewilligung

Der ehemalige Reiseleiter, der seine Frau als solcher in der Türkei kennen gelernt hatte, lebt von der Sozialhilfe. Stolz darauf ist er nicht. Doch zu Arbeiten sei ihm unmöglich, selbst wenn er in seinem Alter noch eine Stelle bekäme, sagt er. Später, wenn das Verfahren und die Verhandlungen mit der Versicherung abgeschlossen sind, könnte er sich vorstellen, einen kleinen Getränkehandel mit türkischen Produkten zu eröffnen. Oder er kehre in die Heimat zurück.

«Denn ich weiss ja nicht, ob ich die Aufenthaltsbewilligung überhaupt behalten kann. Obwohl wir zehn Jahre verheiratet waren.»

Molla dreht sich eine Zigarette, steckt sie an. Der Rauch hüllt die Modellflugzeuge an der Decke in eine Dunstwolke. «An diesen habe ich früher oft getüftelt», sagt er. Ohnehin habe er viele Hobbys gehabt. Das Liebste sei ihm das Motorradfahren gewesen. Er wechselt die Facebook-Seite, zeigt Fotos von seiner türkischen Bikerclique – ein Lächeln huscht über sein Gesicht.

Neuanfang an neuem Ort

Wenn er in der Schweiz bleibt, will er die Wohnung wechseln und damit die Basis für einen Neuanfang legen. Hier erinnert ihn alles an seine Rita, die auch bildlich überall präsent ist: mit einem Foto an der Haustür, dem Hochzeitsbild aus dem Jahr 2010 an der Wand und den alten Plüschtieren auf dem Regal.

Der Witwer greift nach dem schwarzen Kater, einer leicht abgenutzten Handspielpuppe, blickt liebevoll in die matten Glasaugen und fragt: «Schaut er nicht traurig in die Welt?»