Nach der Attacke die Scham

Die Privatklinik Aadorf therapiert Menschen mit krankhaften Essanfällen stationär. Klinikdirektor Stephan Trier will Betroffenen wieder zu einem normalen Essverhalten verhelfen.

Donat Beerli
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Menschen mit einer Binge-Eating-Störung müssen während einer Therapie wieder lernen, was normale Portionen sind. Bild: getty (Bild: Jupiterimages (Stockbyte))

Menschen mit einer Binge-Eating-Störung müssen während einer Therapie wieder lernen, was normale Portionen sind. Bild: getty (Bild: Jupiterimages (Stockbyte))

Stephan Trier, wie viele Menschen leiden an unkontrollierten Essanfällen, einer Binge-Eating-Störung?

Stephan Trier: Der Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt zwischen 1 und 3,5 Prozent. Allerdings gehen wir von einer hohen Dunkelziffer aus. Betroffene fühlen sich schlecht, schämen sich für ihr Verhalten. Viele behalten ihre Essanfälle deshalb für sich.

Was bedeuten diese Zahlen im Vergleich zur Magersucht?

Binge-Eating ist die am weitesten verbreitete Essstörung. Sie kommt häufiger vor als Bulimie oder Magersucht.

Im Unterschied zu den genannten Krankheitsbildern sind Männer auch stark von Binge-Eating betroffen.

Stimmt. Allerdings gibt es nach wie vor mehr Frauen, die an einer Binge-Eating-Störung (BES) leiden. Auch wenn das Verhältnis weniger deutlich ist als bei Magersucht, wo es auch heute nur wenige männliche Patienten gibt. Bei der BES sind ungefähr 40 Prozent der betroffenen Männer.

Warum?

Der Kontrollverlust über die Nahrungsaufnahme ist das Kernsymptom der Binge-Eating-Störung. Dieser Kontrollverlust wird durch eine allgemein erhöhte Impulsivität – die bei Männern oft vorhanden ist – begünstigt.

Wodurch werden die Essanfälle ausgelöst?

Oft durch Konflikte mit anderen Personen, eine negative Stimmung oder auch Frust gegenüber der eigenen Figur. Die Menschen wissen nicht, wie man mit solchen Problemen anders umgehen soll als mit Essanfällen.

Können Betroffene das Essen überhaupt geniessen?

Es ist durchaus möglich, dass sie das Essen teilweise als Genuss erleben. Hier liegt einer der wesentlichen Unterschiede zur Bulimie. Bulimische Patienten haben eine innere Spannung und zutiefst negative Gefühle in sich, die sie fast zerplatzen lassen. Mit ihren Ess-Brech-Anfällen erreichen sie, dass die negativen Gefühle wenigstens vorübergehend verschwinden.

Wie verändert sich die Gefühlslage von Binge-Eating-Patienten nach dem Essanfall?

Die Betroffenen fühlen sich schlecht, haben vielfach Ekel- und Schuldgefühle.

Passieren Essanfälle auch in der Öffentlichkeit?

Nein. Sie werden keinen Betroffenen sehen, der vor Ihnen einen Essanfall hat. Sie decken sich im Supermarkt ein und essen dann zu Hause. Versuchen, ihre Störung so lange wie möglich vor Freunden oder vom Partner zu verheimlichen. Bis das irgendwann nicht mehr geht. Meistens ist der Partner der erste, der es herausfindet. Doch auch am Arbeitsplatz kann irgendwann ein kritischer Punkt erreicht werden. Das äussert sich zum Beispiel dadurch, dass die Person sich nicht mehr konzentrieren kann, weil sie immer damit beschäftigt ist, die nächste Ess-Attacke zu planen.

Wo setzt Ihre Therapie an?

Wir haben ein Hauptziel: Die Normalisierung des schwer gestörten Essverhaltens.

Wie erreichen Sie dieses Ziel?

Zuerst einmal haben unsere Patienten ein streng geregeltes Essprogramm: Drei Haupt- und zwei Zwischenmahlzeiten, die von Fachpersonal begleitet werden. Wichtig sind auch normale Portionen. Betroffene wissen oft nicht mehr, was das ist. Dann werden zugrunde liegende psychische Probleme aufgearbeitet. Sprich: Faktoren, die Essanfälle auslösen, therapeutisch angegangen. Zudem muss auch der gesunde Umgang mit Bewegung wieder trainiert werden.

Abnehmen meinen Sie?

Nein. Was vielen Patienten zuerst klargemacht werden muss. Denn sie sind nicht hier wegen einer Diät, sondern weil sie ihr gestörtes Essverhalten ändern sollen. Wir sind kein Kurhaus, sondern eine Klinik.

Viele Patienten möchten also einfach abnehmen.

Ja. Was aber vielfach auch darum so ist, weil Freunde und Arbeitskollegen ihnen sagen, dass sie abnehmen sollen.

Therapieren Sie auch Kinder?

Nein. Unsere Patienten sind alle volljährig. Das Ersterkrankungsalter bei der Binge-Eating-Störung liegt jedoch auch zwischen 23 und 24 Jahren. Also klar höher als bei der Bulimie oder der Magersucht.

Wie gross ist die Rückfallgefahr nach einer Therapie?

Unser Projekt ist noch zu jung, um verlässliche Zahlen liefern zu können. Trotzdem zeigen erste messbare Ergebnisse unter Einbezug der Patienten und der zuständigen Psychologen, dass es in den meisten Fällen zu einer klaren Verbesserung gekommen ist.