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Mysteriöse Bremsspuren sind erklärbar: Ein Blick hinter die Kulissen der Fahrzeugprüfstelle in Oberbüren

In der Prüfstelle Oberbüren werden jährlich 44000 Fahrzeuge kontrolliert. Ein Blick über die Schulter eines Experten.
Dinah Hauser
Mit einer Lampe kontrolliert Sandro Torre den Unterbau eines Lastwagens in der Prüfstelle Oberbüren. (Bild: Dinah Hauser)

Mit einer Lampe kontrolliert Sandro Torre den Unterbau eines Lastwagens in der Prüfstelle Oberbüren. (Bild: Dinah Hauser)

«Bremsen!», ruft Sandro Torre aus der Grube dem Lastwagenfahrer zu. Der Fahrzeugexperte lenkt den Lichtkegel einer Taschenlampe über den Unterbau eines Lastwagens in der Prüfstelle Oberbüren und kontrolliert dessen Funktionstüchtigkeit. Über dem Thurgauer befinden sich mehr als zehn Tonnen Fahrzeug. Von überall her zischt es, mechanische Teile bewegen sich – die Bremsen funktionieren einwandfrei. «Und jetzt vorfahren!», ruft Torre.

Ein warmer Luftstoss aus dem Auspuff und der mechanische Riese über dem Kopf bewegt sich einige Meter nach vorne. Bis die Pneus der zweiten Achse auf den Rollen des Bremsprüfstandes stehen. Jede Achse wird so separat auf ihre Tüchtigkeit getestet. Der Lastwagen wird mit Anhänger kontrolliert – insgesamt knapp 20 Meter an Fahrzeug, die der Experte unter die Lupe nimmt.

Auf diesen Rollen wird der Bremstest durchgeführt. (Bild: Dinah Hauser)

Auf diesen Rollen wird der Bremstest durchgeführt. (Bild: Dinah Hauser)

Die Prüfstelle Oberbüren

Jährlich werden im Kanton St. Gallen 135'000 Fahrzeuge geprüft von Motorrädern bis hin zu Baumaschinen; davon zirka 44'000 in Oberbüren – eine der fünf Prüfstellen. An der Eröffnung 1972 waren es zwei Prüfbahnen. 1992 kamen weitere zwei hinzu – bei laufendem Betrieb. Anfänglich arbeiteten in Oberbüren vier bis sechs Experten, heute sind es 19 im 90- bis 100-Prozentpensum.

Unterdessen stösst die Prüfstelle wieder an ihre Grenzen: Ein Aufenthaltsraum und ein Besprechungszimmer fehlen, zudem sind die sanitären Anlagen der Mitarbeitenden nicht geschlechtergetrennt. Auch die Platzverhältnisse um die Prüfstelle entsprechen nicht mehr den Bedürfnissen. So können etwa nicht alle Führerprüfungskategorien angeboten werden. Eine Zusammenlegung mit der Prüfstelle Winkeln – zwecks Effizienzsteigerung – an einem neuen Standort ist schon länger im Gespräch. (dh)

«Lastwagen mit Anhänger sind die längsten Fahrzeuge, die wir hier in Oberbüren überprüfen», sagt Patrick Schnelli, Leiter Prüfungen beim Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen. Auf den anderen Prüfbahnen werden indes Personenwagen genauestens betrachtet, auch Gas- und Elektroautos kommen auf den Bock. Hinter dem Haus befindet sich die Prüfstelle für Motorräder. «Durch die regelmässigen Kontrollen stellen wir die Verkehrssicherheit der Fahrzeuge sicher», sagt Schnelli. «Zudem spielen auch Umweltthemen eine Rolle.» Als Beispiele nennt er Ölverluste, Abgase oder auch Lärmemissionen.

Bremsen funktionieren dank Luftdepots

Zurück am Prüfstand nimmt Fahrzeugprüfer Torre einen metallblauen Rollwagen mit verschiedenen Anzeigen und Hebeln zu Hilfe, um den Anhänger zu prüfen. Die Bremsleitungen werden vom Zugfahrzeug abgekuppelt und an die Testmaschine angehängt. «So kann ich beim Anhänger eine Bremsung auslösen und auch schauen, wie viel Druck sich aufbaut und wie schnell», erklärt Torre. Die Bremsen von Lastwagen funktionieren mittels Luftdepots und Druckauf- respektive -abbau. Mit dem Gerät kann Torre zudem eine Abkopplung simulieren – etwa wenn die Bremsleitungen reissen. «In dem Fall sollte der Anhänger automatisch bremsen.»

Dieses Gerät zeigt den Luftdruck im Bremssystem an. (Bild: Dinah Hauser)

Dieses Gerät zeigt den Luftdruck im Bremssystem an. (Bild: Dinah Hauser)

Torre legt den Hebel um und tatsächlich: Der Anhänger bremst. Gleichzeitig zeigen die Messinstrumente einen Druckabbau und danach einen Druckaufbau an.

Währenddessen sind vom Lastwagen her Zischgeräusche zu vernehmen. «Der Bremskreislauf des Zugfahrzeugs wurde automatisch abgedichtet. Das ist wichtig, sonst wäre der Lastwagen nicht fahrtüchtig», lautet die Erklärung von Torre. Bevor die hintere Achse des Anhängers getestet werden kann, muss der Lastwagen seine Luftdepots erst wieder auffüllen. «Ist keine Luft da, sind die Bremsen angezogen. Der Lastwagen könnte nicht fahren.»

Mysteriöse Bremsspuren auf der Strasse

Torre zieht zur Veranschaulichung ein Beispiel aus dem Strassenverkehr an: Manchmal sieht man auf der Strasse unlogische und unerklärliche Bremsspuren. «Diese entstehen, wenn der Anhänger kurzzeitig keine Luft hat und automatisch bremst.» Einige Fahrer würden dies aber kaum bemerken, da die Zugfahrzeuge gut motorisiert sind. Nachdem die Tüchtigkeit der Bremsen geprüft ist, kontrolliert der Fahrzeugprüfer die Ausstattung. So muss etwa immer ein Keil oder ein Feuerlöscher vorhanden sein. Sind die richtigen Pneus auf den Felgen, alle Radmuttern dran? Zum Schluss wird mit einem grauen Gerät auf drei Rollen die Helligkeit der Scheinwerfer getestet.

Jedes Rad und jede Mutter wird genau angeschaut. (Bild: Dinah Hauser)

Jedes Rad und jede Mutter wird genau angeschaut. (Bild: Dinah Hauser)

Torre ist seit zehn Jahren in Oberbüren als Fahrzeugprüfer tätig. Er darf alle Fahrzeugtypen prüfen, bis auf Cars. «Die Weiterbildung dazu steht noch an», sagt er. Schnelli bestätigt, dass alle Mitarbeitenden jährlich ein bis fünf Kurstage absolvieren. Eine Lehre als Fahrzeugprüfer gibt es nicht. «Erst absolviert man eine Ausbildung in einer Werkstatt, etwa als Automechaniker oder Fahrzeugdiagnostiker», sagt Schnelli. Die halbjährige Grundausbildung zum Fahrzeugprüfer mit Abschlussprüfung wird von der Vereinigung der Strassenverkehrsämter (ASA) durchgeführt. «Neue Mitarbeitende beginnen mit dem Prüfen von Personenwagen. Danach folgt die Weiterbildung für Töffs und zum Schluss jene für Lastwagen.» Dazu benötigen sie zusätzlich den jeweiligen Permis; um Führerprüfungen abzunehmen, die jeweilige Weiterbildung.

Längere Testfahrten für Lastwagen

Jedes zu prüfende Fahrzeug wird auch auf eine Testfahrt ausgeführt. Personenwagen werden auf der kurzen Teststrecke einmal um die Prüfstelle gefahren, die Hupen und Handbremsen getestet. «Bei schweren Fahrzeugen wie Lastwagen ist es wichtig, eine grössere Tour zu machen», sagt Torre. Souverän lenkt er das knapp 20 Meter lange Gefährt inklusive Anhänger durch die Gemeinde Oberbüren. Worauf er denn bei der Testfahrt achtet? «Das ist schwierig zu erklären», sagt Torre. «Als ehemaliger Mechaniker weiss man, wie ein Radlager klingt oder wie sich ein gut gewartetes Fahrzeug verhält.» So erkennt er innert kurzer Zeit, ob das Fahrzeug ohne sein Zutun nach links oder rechts zieht oder ob etwa ein Radlager oder der Motor nicht in Ordnung ist.

Von der ganzen Bandbreite an Fahrzeugen, die Torre prüfen darf, mag er Lastwagen am liebsten. «Da hat man am meisten Zeit.» Für Personenwagen stehen 20 Minuten zur Verfügung, die Frequenz ist hoch. Für Lastwagen steht eine Stunde zur Verfügung, mit Anhänger zusätzlich 40 Minuten. Torre lenkt den Riesen wieder zur Prüfstelle und übergibt das Fahrzeug dem Fahrer. Torre macht sich bereit für seine nächste Aufgabe: Diesmal erwartet ihn ein Personenwagen.

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