Mutig vorwärtsschreiben

Bettinas B(l)ickwinkel

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Bettina Scheiflinger vor ihrem Schreibtisch mit herrlicher Aussicht auf den Lago Maggiore. (Bild: PD)

Bettina Scheiflinger vor ihrem Schreibtisch mit herrlicher Aussicht auf den Lago Maggiore. (Bild: PD)

Nach der ersten Woche im Atelier Bick habe ich in einen Rhythmus gefunden. Meine Tage gliedern sich in Schreiben, Kaffeepausen, kleine Ausflüge, Lesen und immer wieder Schreiben, in loser Reihenfolge. Obwohl ich, in Seiten gerechnet, gemächlich vorwärtskomme, ist mir die Struktur der Geschichte klar geworden. Im Laufe der zweiten Woche ein Erfolgserlebnis: Es fühlt sich an, wie wenn ein erster Teil der Geschichte da ist. Klar, es muss noch gestrafft, korrigiert, verändert und vertieft werden. Aber immerhin, es ist wie die Ankunft in einem Grotto nach einer langen Wanderung. Bis zum Gipfel ist es noch weit, aber hier gibt’s erst mal Salami, Limoncello und einen Blick zurück.

Vor einem Jahr habe ich entschieden, meine Stelle zu kündigen, ohne einen genauen Plan, wie es weitergehen sollte. Ich wollte mich mit kleinen Jobs über Wasser halten und viel Zeit fürs Schreiben haben. Damals wurde ich oft auf meinen Mut angesprochen. Mut bedeutet, etwas zu versuchen, was man sich kaum selbst zutraut. Man schlägt alle Unsicherheiten in den Wind, denn das Ziel, scheint es noch so verrückt, ist unwiderstehlich. Alle Sicherheiten loszulassen, gelang mir, weil ich unbeirrt auf eine Stimme in mir hörte, die sagte: Genau das musst du jetzt machen! Ich fand mich nicht mutig, ich folgte einfach dieser leisen Stimme. Mut und Dummheit liegen manchmal nahe beieinander. Worum es sich handelt, kann meist erst rückblickend beurteilt werden. Und: Mut ist relativ. Sich aus einer unglücklichen Situation, im Job, in der Liebe oder sonst wo zu lösen, ist mutig. Da zu bleiben und das Beste daraus zu machen, die verfahrene Angelegenheit in Angriff zu nehmen und sie zu verändern, kann ebenso viel Mut erfordern. Irgendwann schaut man dann zurück und stellt fest, wie nötig und erlösend die Veränderung war. Und wie sehr man daran gewachsen ist. Im schlechteren Falle bereut man. Aber dann hat man erst recht etwas gelernt.

Ines, der Protagonistin meiner Geschichte, steht eine Veränderung bevor. Sie ist entfremdet von der Familie, ihren Freunden, sich selber. Sie sehnt sich nach Nähe und muss den Mut aufbringen, sich zu öffnen. Dafür muss sie ihr Leben in die eigene Hand nehmen. Dass sie jetzt gerade diese faszinierend fremde Frau kennen lernt, ist ihr Sprungbrett dafür. Als Autorin habe ich es in meiner Hand, Ines scheitern zu lassen oder ihren Mut zu belohnen. Ob sie mutig oder dumm handelt, wird sich auf den nächsten Seiten zeigen. Ich selbst nehme jetzt meinen Mut zusammen, dranzubleiben und vorwärtszuschreiben.

Bettina Scheiflinger

Bettina Scheiflinger ist die erste Gewinnerin des Wiler Bick-Stipendiums. Diesen Monat schreibt sie in einem Haus des verstorbenen Künstlers Eduard Bick im Tessin. Während dieses Aufenthalts veröffentlicht die Autorin Kolumnen in der «Wiler Zeitung».