Musik, die Erinnerungen hervorruft

Niederuzwil. Das evangelische Kirchgemeindehaus ist gut besetzt an diesem Nachmittag, erwartet das Publikum doch ein ganz besonderer Ohrenschmaus: das Seniorenorchester St. Gallen. Und so sitzen die Seniorinnen und Senioren pünktlich auf ihren Plätzen, der Kaffee ist bereits ausgeteilt.

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Niederuzwil. Das evangelische Kirchgemeindehaus ist gut besetzt an diesem Nachmittag, erwartet das Publikum doch ein ganz besonderer Ohrenschmaus: das Seniorenorchester St. Gallen. Und so sitzen die Seniorinnen und Senioren pünktlich auf ihren Plätzen, der Kaffee ist bereits ausgeteilt.

(Ehemalige) Profis am Werk

Kurz vorgestellt, spielt das Orchester unter der Leitung von Werner Vosseler auch gleich sein erstes Stück: «Gold und Silber» der erste Erfolg des österreichischen Komponisten Franz Lehar. Es geht ein anerkennendes Gemurmel durch die Gänge – man kennt den Walzer. Das Orchester spielt gut, beschwingt und pointiert. Nicht zuletzt deshalb, da es sich bei den meisten Instrumentalisten um ehemalige Berufsmusiker handelt.

Auch das zweite Lied, die Annen-Polka von Johann Strauss, verzauberte die Zuhörerinnen und Zuhörer. Denn im Gegensatz zu jüngeren Generationen haben die älteren Herren und Damen noch einen Sinn für klassische Musik. Schliesslich sind es Lieder, die sie durchs Leben begleitet haben und Erinnerungen in ihnen hervorrufen. Hie und da wird leise mit gesummt, andernorts ein wenig lauter und enthusiastischer.

Von den Wolga-Schleppern

Werner Vosseler, stellt das nächste Lied vor: das Lied der Wolgaschlepper. Vosseler erzählt die Geschichte dazu: «Als es noch keine dampfbetriebenen Maschinen gab, mussten die Lastkähne jeweils mühsam von Hand flussaufwärts gezogen werden.» Damit die Schlepper dabei nicht aus dem Takt gerieten, sangen sie Lieder. Am Abend kamen die Arbeiter schliesslich in der Schenke zusammen, wo man Vodka trank und sich austauschte. Das russische Charakterstück wird mit vielen farbigen Akzenten gespielt, man sieht die Schlepper beinahe vor sich, wie sie sich gemeinsam bei der anstrengenden Arbeit abmühen.

Noch einmal 20 sein

Werner Vosseler lässt es sich nicht nehmen, den Dirigentenstab gegen eine Gesangseinlage einzutauschen. Begleitet vom Piano singt er mit seiner klaren Stimme «Man müsste noch einmal 20 sein». Die Zuhörerinnen und Zuhörer sind begeistert und der Applaus fällt grosszügig aus.

Anschliessend ist das Orchester wieder an der Reihe, welches einen Walzer von Emil Waldteufel spielt. Ein Stück, welches im krassen Gegensatz zu den russischen Schleppern steht. Denn hier sieht man vor seinem inneren Auge die tanzenden Damen und Herren des Pariser Adels. Die wertvollen Kleider der Frauen, welche leicht im Takt mitschwingen und die Männer, welche um die weibliche Gunst werben. Man ist fast erstaunt, als beim Öffnen der Augen nichts dergleichen vorzufinden ist.

Mit tiefer Stimme trägt Vosseler nun ein Lied aus dem Musical West Side Story vor, singt vom Los der Armut und beklagt sich: «Warum kann ich nicht ein kleines Vermögen haben?». Und als Zuhörerin oder Zuhörer fragt man sich schliesslich: «Warum kann ich nicht auch so schön singen?» Carmen Ferri