Multikulturelle Erfolgsgeschichte: Wiler Chor gewinnt Integrationspreis

Im IAS-Chor singen Menschen aus unterschiedlichen Kontinenten. Dabei geht es um weit mehr, als um gemeinsames Musizieren. In dieser Woche wurde der Wiler Chor mit dem St. Galler Integrationspreis ausgezeichnet.

Adrian Zeller
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Frauen und Männer aus Afrika, Südamerika und Europa singen im IAS-Chor mit. (Bild: PD)

Frauen und Männer aus Afrika, Südamerika und Europa singen im IAS-Chor mit. (Bild: PD)

Während des Gesprächs mit dieser Zeitung schauen sich Rita Kobler-Emiko und Walter Gysel an und sagen übereinstimmend: «Es wäre kaum vorstellbar, dass wir uns auf eine andere Weise kennengelernt hätten, als über den Chor.» Da haben sich zwei getroffen, die offensichtlich gut harmonieren. Dabei könnten ihre kulturellen Hintergründe kaum unterschiedlicher sein: Pensionierter Ostschweizer Pädagoge trifft auf Frau aus Nigeria.

Als das musikalische Projekt 2012 seinen Anfang nahm, hätte kaum jemand seine zukünftige Erfolgsgeschichte erahnen können. Rita Kobler-Emiko, in Bronschhofen wohnhafte Mutter zweier Söhne im schulpflichtigen Alter, begann damals, mit Asylbewerbern zu singen. Auf der Suche nach einem musikalischen Leiter kam sie mit Walter Gysel in Kontakt, der damals wenige Tage vor seiner Pensionierung als Lehrer in Zuzwil stand. Als Leiter des 60 voices-Chor ist er in der Region bekannt.

Gleichberechtigter Austausch

Allmählich entwickelte sich die IAS-Singgemeinschaft zu einem gefestigten Chor, der heute aus 21 Mitgliedern aus verschiedenen Ländern Afrikas, aus Kolumbien, der Karibik, Kroatien, Italien und der Schweiz besteht. Das musikalische Programm liegt schwergewichtig auf Gospels. Alle vierzehn Tage wird im Pfarrheim in Bronschhofen geprobt. Der Chor tritt acht bis zehn Mal pro Jahr öffentlich auf. Wie beide betonen, geht es um weit mehr als um das gemeinsame Singen. Es soll eine Plattform sein, die Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern in Kontakt bringt.

Walter Gysel: «Das Schöne ist, dass es ein Austausch auf Augenhöhe ist. Beide Seiten bringen etwas von sich ein und bekommen auch etwas zurück. Es ist kein Gefälle.» Rita Kobler-Emiko erwähnt als Beispiel das Gospelkonzert, das der 60 voices-Chor und der IAS-Chor kürzlich gemeinsam in Wil und in Zuzwil gegeben haben. Der eine Chor brachte die musikalische Ausgewogenheit und Präzision ein, der andere das Temperament und die gesangliche Ungezwungenheit. Auf beide wirkte die ungewohnte Erfahrung inspirierend.

Trotz der kulturellen Unterschiede das Verbindende zu suchen, ist beiden Gesprächspartnern wichtig. Rita Kobler-Emiko erwähnt, dass viele Migrantinnen geringe Chancen hätten, mit Schweizern in Kontakt zu kommen. Der IAS-Chor bietet eine gute Möglichkeit dazu; IAS bedeutet Inside Africa Schweiz. Der 2007 gegründete Wiler Verein soll insbesondere Zuwanderern aus Afrika eine Integrationshilfe bieten.

«Wenn eine Mutter sagt, dass sie wegen ihres Kleinkindes das Haus nicht verlassen kann, antworte ich: Bring dein Kind in die Chorprobe mit», sagt Rita Kobler-Emiko. Diese Ungezwungenheit und lebenspraktische Alltagsbewältigung stösst bei den Schweizern im Chor auf Sympathie. Vor jeder Probe trifft man sich eine halbe Stunde zum geselligen Plaudern; dabei lernt man sich besser kennen und kann seine Deutschkenntnisse anwenden.

Auszeichnung ist eine Anerkennung

Für dieses Brückenbauen zwischen Migranten und Schweizern wurde dem IAS-Chor am Montag der St. Galler Integrationspreis «Der goldene Enzian 2018» durch Regierungsrat Martin Klöti verliehen. Für Rita Kobler-Emiko und Walter Gysel ist diese Auszeichnung eine Anerkennung ihrer bisherigen Leistungen. Gleichzeitig soll er auch weitere Mitglieder für die Singgemeinschaft werben. Das Preisgeld sowie sämtliche Konzertgagen fliessen in ein Bildungsprojekt in Kunbi, Nigeria, das Kindern in einer strukturschwachen Region den Schulbesuch ermöglicht.

Hinweis
http://iaswiss.ch/de/