Moral im Sonderangebot

Weihnachten droht mehr denn je zu einem Fest des schlechten Gewissens zu werden. Zum einen stellt sich die Frage, was man schenken und damit auslösen will. Zum anderen gibt es die Erwartung der Beschenkten. Sind Wille und Erwartung deckungsgleich, steht ein tolles Weihnachtsfest bevor.

Hans Suter
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Bild: Hans Suter

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Weihnachten droht mehr denn je zu einem Fest des schlechten Gewissens zu werden. Zum einen stellt sich die Frage, was man schenken und damit auslösen will. Zum anderen gibt es die Erwartung der Beschenkten. Sind Wille und Erwartung deckungsgleich, steht ein tolles Weihnachtsfest bevor. Aber eben: Dieses Idealbild ist in der Realität eher selten anzutreffen. Zum Beispiel: Während der 14jährige Teenie beim Auspacken die Augen verdreht, sendet er die Botschaft ins Hirn gegenüber: «Ein billiges Leibchen vom Discounter ist kein cooles T-Shirt; unter den Weihnachtsbaum gehört ein Markenprodukt mit dem angesagtesten Schriftzug. Aus der Boutique und sauteuer. So ist das heute.» Die Qualität spielt keine Rolle mehr. Ausser für Papa, der das Geld herbeischaffen muss. Darum hat sich der für dieses Jahr etwas einfallen lassen. Er will mal wieder ein cooler Dad sein und mit den angesagtesten Marken auftrumpfen. Und das ohne Mehrausgaben. Wie er das schafft? Mit Köpfchen. Er hat nämlich vom Einzelhandel gelernt, indem er deren Prospekte nicht mehr ungelesen wegwirft, sondern genau anschaut. Darin findet er zuhauf unschlagbare Sonderangebote. In einem schön gestalteten Werbemagazin fällt ihm im Impressum auf, dass ihm die angegebene Druckerei unbekannt ist. Kurzerhand gibt er den Namen bei Google ein und siehe da: Das Magazin wurde in der Nähe von Stuttgart gedruckt. Das bringt ihn auf eine neue Idee. Er weiss, dass der Detailhandel in seiner Region auf Kunden angewiesen ist. Dass der Detailhandel diese Region aber bis auf den Grossraum Stuttgart ausgedehnt hat, wusste er nicht. «Toll», frohlockte er. «Nun kann ich ohne schlechtes Gewissen im viel billigeren Konstanz einkaufen.» Das schlechte Gewissen holt ihn erst an Heiligabend wieder ein.

hans.suter@wilerzeitung.ch