Modernes Gewand, alter Inhalt: Freikirchen gewinnen auch in der Region Wil an Popularität

Eine Umfrage zeigt: Die Freien Evangelischen Gemeinden von Wil und Uzwil wachsen. Langsam zwar, aber stetig.

Tobias Söldi
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Ein Gottesdienst der überkonfessionellen Freikirche ICF St.Gallen im alten Kino Tiffany in der Kantonshauptstadt.Bild: Benjamin Manser

Ein Gottesdienst der überkonfessionellen Freikirche ICF St.Gallen im alten Kino Tiffany in der Kantonshauptstadt.Bild: Benjamin Manser

Freikirchen polarisieren – trotz oder gerade wegen ihres Erfolgs. Besonders populär ist die ICF-Church, die vor allem auf junge Leute eine grosse Anziehungskraft ausübt. Ihre Gottesdienste – sie nennen sie «Celebrations» – ähneln Popkonzerten. Sie sind «laut, fröhlich und leidenschaftlich», wie ICF Zürich auf seiner ebenso bunten Website schreibt.

Doch das Feld der Freikirchen ist breit und unüberschaubar, die Ausprägungen ganz unterschiedlich. Allein in der Region gibt es je eine Freie Evangelische Gemeinde (FEG) in Wil, Uzwil und Sirnach sowie die Evangelisch-methodistische Kirche Uzwil-Flawil, die Lifechurch in Rickenbach oder die Freie Christgemeinde Flawil.

Auf der Suche nach einer modernen Form

Allen gemein ist eine evangelikale, konservative Theologie – die sich manchmal poppig-modern gibt. «Auch wir suchen für unsere Gottesdienste eine zeitgemässe Form», sagt Roland Stäheli, Präsident der FEG Wil.

«Den Inhalt modernisieren wir nicht, umso mehr das Auftreten, die Musik, den Umgang.»

Auch in Uzwil will man innovativ sein: «Bei uns gibt es moderne Lieder», sagt Hans-Jörg Rätz, Seniorpastor der FEG Uzwil.

Als «zielgruppenspezifische Ausrichtung» bezeichnet das Religionsexperte Georg Otto Schmid von der Evangelischen Informationsstelle Kirchen-Sekten-Religionen im Zürcherischen Rüti, ein Erfolgsrezept vieler Freikirchen. Die FEG Uzwil und Wil betonen jedoch auch, dass sie alle Altersgruppen ansprechen wollen.

Georg Otto Schmid  Religionsexperte

Georg Otto Schmid
Religionsexperte

Dass Freikirchen übers Ganze gesehen ein Wachstum aufweisen, hat für den Experten denn auch noch einen anderen Grund: Es lässt sich vor allem durch Migrationsgemeinden aus Asien, Amerika oder Afrika erklären.

«Salopp gesagt: Freikirchen profitieren von der Zuwanderung.»

Was sind Freikirchen überhaupt?

Freikirchen sind christliche Gemeinschaften, welche beginnend mit der Reformation aus dem Protestantismus herausgewachsen sind und sich durch die allen gemeinsame evangelikale Theologie verbunden wissen, welche die biblische Lehre vertritt. Sie berufen sich auf die Bibel als höchste Autorität.

Für den Religionsexperten Georg Otto Schmid zeichnen sich Freikirchen unter anderem durch drei Merkmale aus:
(1) Mitglied einer Freikirche wird man durch eine bewusste Entscheidung und nicht durch religiöse Erziehung. (2) Freikirchen orientieren sich möglichst wörtlich am neuen Testament, sind darin aber unterschiedlich streng. (3) Freikirchen pflegen einen werbenden Glauben.
Insgesamt gehören 150000 bis 300000 Personen in der Schweiz einer freikirchlichen Organisation an, schätzt er.

Der Wortteil «Frei» im Begriff «Freikirchen» meint ihre Unabhängigkeit von landeskirchlicher Bindung an den Staat, nicht hingegen eine besondere Liberalität in theologischen oder ethischen Fragen.
Quellen: www.infosekta.ch, www.relinfo.ch

Bei den inländischen Freikirchen hingegen ist Schmid in seiner Einschätzung vorsichtiger. Ob deren Mitgliederzahlen konstant bleiben, leicht schrumpfen oder sachte wachsen, sei umstritten und je nach Fokus unterschiedlich.

Die Zurückhaltung bestätigt sich auf Nachfrage bei den FEG Wil und Uzwil. Von einem «Boom» will Hans-Jörg Rätz von der im Jahr 2000 gegründeten FEG Uzwil nicht sprechen. Aber:

«Uns geht es gut bis sehr gut. Wir sind über die Jahre konstant gewachsen.»

Zurzeit zähle man über 60 Mitglieder, ein durchschnittlicher Gottesdienst locke etwa 100 bis 120 Besucherinnen und Besucher an.

In Wil ist die Stimmung ähnlich: gut, aber nicht euphorisch. Die Gemeinde hat etwa 100 Mitglieder, Gottesdienste werden von 100 bis 180 Personen besucht. Gemeindeleiter Roland Stäheli sagt: «In den letzten Jahren sind wir durchschnittlich um etwa drei Prozent gewachsen, in den letzten fünf Jahren noch etwas stärker.» Und so soll es weitergehen:

«Wir wünschen uns noch mehr Leute. Weil wir glauben, dass wir zu ihrem Seelenheil etwas Wichtiges beitragen können.»

Werbung, bestätigt Experte Schmid, ist ein wichtiger Charakterzug von Freikirchen.

Intensiv gelebter Glaube in den Freikirchen

Ein Blick auf die Website des Bundesamtes für Statistik zeigt auch: Mitglieder von Freikirchen leben ihren Glauben intensiv. 72 Prozent der Mitglieder evangelikaler Gemeinden besuchen mindestens einmal pro Woche einen Gottesdienst. Zum Vergleich: Die grosse Mehrheit von 71 Prozent besucht maximal fünfmal pro Jahr einen Gottesdienst. Beim Beten zeigt sich ein ähnliches Bild: 51 Prozent der Evangelikalen beten täglich oder fast täglich – oder geben dies zumindest so an.

Den Religionsexperten überrascht das nicht: «Das gehört zum Wesen von Freikirchen. Damit man sich in einer solchen Organisation wohlfühlt, muss der Glauben, der Stil und das geforderte Engagement für einen stimmen.» Schwierig sei es für Leute, die nicht aus Überzeugung, sondern aus anderen Gründen, etwa der Liebe wegen, in eine Freikirche eintreten.

«Die bewusste weltanschauliche Einheitlichkeit von Freikirchen kann für Personen, die nicht dazu passen, belastend wirken.»

Zu Sekten aber zieht Georg Schmid eine klare Linie. «Die klassische Freikirche ist nicht sektenähnlich», betont er. Dafür fehlten ihr Eigenschaften wie eine rigide Kontrolle, ein allwissendes Oberhaupt und eine gesellschaftliche Abschottung.

Überprüft wird die Spendentätigkeit nicht

«Dass wir als Sektierer verschreit werden, haben wir zum Glück noch nicht erlebt», sagt Roland Stäheli von der FEG Wil. Auch Hans-Jörg Rätz hält fest, dass man damit kaum konfrontiert sei. Das Gegenteil sei der Fall, betonen beide: Man sei offen für Veränderungen jeder Art, Aus- und Eintritte seien jederzeit möglich und es werde keinerlei Druck aufgebaut.

Einen kritischen Beigeschmack trägt auch die Finanzierung der Freikirchen: Diese geschieht nämlich nicht durch Kirchensteuern, sondern durch freiwillige Beiträge von Mitgliedern und Freunden. Georg Schmid sagt dazu:

«Radikalere Gruppen wie der ICF erwarten von ihren Mitgliedern 10 Prozent des Lohns. In den meisten Freikirchen gibt es aber keine Vorgaben, wie viel die Mitglieder spenden sollen.»

Überprüft werde die Spendentätigkeit ohnehin nicht, so der Experte.

Stäheli und Rätz bestätigen. «Unsere Finanzen sind völlig transparent», sagt Stäheli. So seien etwa an den Mitgliederversammlungen der FEG Wil alle Unterlagen einsehbar, auch für Gäste. Einen Kontrollmechanismus zum Spendenverhalten gebe es ebenfalls nicht. Aber: «Wir empfehlen den Mitgliedern, zu spenden.»