Modediktat leidet an Tintenfrass

Schriftliche Juwelen aus dem Stadtmuseum – Teil 5: Im Jahre 1683 erliess der Wiler Stadtrat ein Kleidermandat. Mit bissigem Unterton schrieb er der Bevölkerung damit vor, wie sie sich zu kleiden hatte. «Bissig» war auch die Tinte.

Ursula Ammann
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Die kunstvoll gestaltete Initiale des Kleidermandats von 1683 wurde über die Jahrhunderte von der Tinte zerfressen. (Bild: Ursula Ammann)

Die kunstvoll gestaltete Initiale des Kleidermandats von 1683 wurde über die Jahrhunderte von der Tinte zerfressen. (Bild: Ursula Ammann)

WIL. Galläpfel, Gummi Arabicum und Eisensulfat: Aus diesen drei Zutaten bestand einst die Tinte, mit der man auch im alten Wil schrieb. Je nach Mischverhältnis entfaltete sie ihr aggressives Potenzial und frass sich über die Jahrhunderte durchs Papier. «Es gibt einige handgeschriebene Bücher, die heute aussehen wie Scherenschnitte», sagt Stadtarchivar und Museumsleiter Werner Warth.

Zerfressenes «W»

Ein Beispiel eines Dokuments, das unter dem Tintenfrass leidet, ist das Kleidermandat von 1683. Der Stadtrat erliess dieses im Namen von Abt Gallus. Es trägt deshalb auch die Überschrift «Wir Gallus von Gottesgnaden», wobei das «W» in kunstvoller Weise als Initiale gestaltet ist. Deren Mitte wurde mit Tinte ausgemalt – und von ihr zerfressen.

An der Kirchentür angeschlagen

Nicht auf den Tintenfrass zurückzuführen sind die zwei Löcher an den oberen Ecken des Papiers. «Das Kleidermandat war wohl an der Tür der Wiler Stadtkirche angeschlagen», erklärt Werner Warth. So konnte keiner die Entschuldigung geltend machen, er habe es nicht gesehen, denn in die Kirche hatte damals jeder zu gehen.

Doch was stand in diesem Kleidermandat von 1683? Unter anderem enthielt es Regeln zur Kopfbedeckung. So war es «Ehrenjungferen und Frauwenzimmern» verboten, grosse Hüte zu tragen, die «ehender einem Storchennest oder einem Kautzen gleich sind als einem Hinderfür». Hinderfür war der Begriff für eine Kopfbedeckung aus dicht aneinandergesetzten Bandschleifchen, die von vorn und hinten gleich aussah.

Den Frauen von weniger Stand waren nur Hinderfüre «ohne Sammet und Tächle» erlaubt. Zugleich war auch das Tragen der Herz- oder Schnäbel-Hauben – auch die «Züricher neüwe Mode Hauben» genannt – verboten. Dasselbe galt für Spitzen an den weissen Hauben, «in denen das weibliche Geschlecht vast daher waglet wie die jungen Hünd mit ihren Labohren».

Arme bedeckt halten

Das Kleidermandat von 1683 schreibt weiter vor, dass «die Döchteren» ihre Arme bedeckt lassen müssen und zwar «bis vornen an die Händknoden». Ein Stück Arm zu zeigen, galt als Unverschämtheit. Tat man es trotzdem, blühte eine Geldstrafe von zwei Pfund Heller (Münzen). Auch ihre «silbernen Halskettelein und Agnus Dei» durften die Töchter «nit aushenken und schimmern lassen». Sauer aufgestossen ist den Wiler Gesetzgebern auch, dass sogar die Dienstmägde anfingen, silberne Gürtel zu tragen und «darmit brangen wöllen», wie es im Kleidermandat weiter heisst.

Mandate habe es zu jener Zeit viele gegeben, erklärt Werner Warth. Damit reagierten die Obrigkeiten stets auf Entwicklungen, die ihnen an der Bürgerschaft missfielen. Eben auch, was die Mode betraf.

In dieser Serie präsentierte die Wiler Zeitung einzelne Aspekte aus der aktuellen Ausstellung «Schriftliches» im Wiler Stadtmuseum. Dies ist der letzte Teil.