«Miteinander reden tut allen gut»

Über den Begriff «Burn-out» haben Jörg Gabriel und Daniel Koster gelächelt – bis sie selbst davon eingeholt wurden. Nun möchten der Flawiler Kaufmann und der Fahrlehrer aus St.Gallen eine Selbsthilfegruppe für Betroffene gründen.

Ursula Ammann
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Jörg Gabriel und Daniel Koster erfuhren durch Zufall, dass sie das gleiche Schicksal haben. Die beiden kennen sich aus der BDP. Aus Zeiten, in denen sie viel Energie in den Aufbau der Partei investierten. (Bild: Ursula Ammann)

Jörg Gabriel und Daniel Koster erfuhren durch Zufall, dass sie das gleiche Schicksal haben. Die beiden kennen sich aus der BDP. Aus Zeiten, in denen sie viel Energie in den Aufbau der Partei investierten. (Bild: Ursula Ammann)

REGION. Es war an einer Sitzung, als Jörg Gabriels Hände unter dem Tisch nicht mehr aufhören wollten zu zittern. Ein Zittern, das ihm in beängstigender Weise vor Augen führte, dass etwas nicht stimmt. Und dennoch war dieses Zittern – im Nachhinein betrachtet – längst nicht das einzige Zeichen dafür. Während zwei Jahren schlief Jörg Gabriel nie länger als vier Stunden pro Nacht. «Manchmal blieb ich auch nächtelang wach», erzählt er. Jeden Tag musste er sich von Neuem überwinden, zur Arbeit zu gehen. Dennoch war er meist schon um vier oder fünf Uhr morgens im Büro. Der kaufmännische Leiter arbeitete 35 Jahre bei der gleichen Firma.

Mit dem neuen Chef änderte sich alles. «Wir hatten das Heu einfach nicht auf der gleichen Bühne», erzählt Gabriel. «Die Situation wurde immer schlimmer und schlimmer.» Für seine Arbeit habe er keine Wertschätzung erfahren. Im Gegenteil: «Es wurden mir laufend Fehler vorgeworfen», sagt der Flawiler. Irgendwann habe er auch den Mund nicht mehr aufgemacht und einfach alles hingenommen.

Nicht mehr vor die Tür gewagt

Im Privatleben sank die Lebensqualität immer mehr gegen null. Seine Freundin, von Beruf Sozialpädagogin, habe ihn schon länger vorgewarnt, erzählt der 53-Jährige. «Du läufst in ein Burn-out», habe sie gesagt. Er selbst lachte damals über diesen Begriff. Im Frühsommer dieses Jahres kam dann der grosse Zusammenbruch. Jörg Gabriel liess sich in eine Klinik einweisen, bekam Antidepressiva. Anfangs sei er danach aus Pflichtbewusstsein noch einen halben Tag zur Arbeit erschienen, bis auch das nicht mehr ging. Mitte Juli kündigte er. «Anfangs ist mir ein riesen Stein vom Herzen gefallen», erzählt er. «Doch dann machte sich ein Gefühl der Angst und der Wertlosigkeit breit.» Der dreifache Vater wagte sich nicht mehr vor die Tür, er versteckte sich, wenn das Telefon klingelte. Auch ein Schritt in den Garten war manchmal schon zu viel. «Sobald ich einen Nachbarn sah, verzog ich mich sofort wieder ins Haus», erklärt er. «Aus Angst, auf etwas angesprochen zu werden.»

Plötzlich ging nichts mehr

Situationen wie diese kennt auch Daniel Koster. Der 49-Jährige erlitt wie Jörg Gabriel ein Burn-out. Bei ihm leuchteten die Alarmglocken, als er trotz genügend Geld auf dem Konto eine Betreibung nach der anderen erhielt, weil er seine Rechnungen nicht bezahlte. Der Fahrlehrer und ehemalige St. Galler Stadtparlamentarier brachte es zuletzt nicht mehr fertig, eine E-Mail oder einen Brief zu öffnen. Nicht aus Faulheit, sondern aus Überlastung.

Über viele Jahre hinweg hat sich der Vater einer erwachsenen Tochter neben seiner Fahrschule in der BDP engagiert, wo er mehrere Ämter innehatte. Laufend kamen neue Aufgaben ausserhalb der Politik dazu. So übernahm er das Präsidium des Ostschweizer Fahrlehrerverbands und Vorstandsarbeiten in weiteren Verbänden. «Ich hab diese Aufgaben gern gemacht und zu Hause wartete niemand auf mich», erzählt er. An einem Donnerstag im Frühling ging plötzlich nichts mehr.

Professionelle Hilfe geholt

Dass sie dasselbe Schicksal teilen, erfuhren Jörg Gabriel und Daniel Koster eher zufällig. Sie kennen sich durch die BDP. Aus Zeiten, in denen sie beide viel Energie in die Partei steckten.

Inzwischen haben beide professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Gabriel hielt sich im August in einer Tagesklinik auf. Neben Einzel- und Gruppengesprächen hat ihm der Sport geholfen. Auch jetzt, wo er wieder zu Hause ist, geht er dreimal wöchentlich ins Fitnessstudio, was ihn keinerlei Überwindung kostet. Auch seine Aufgabe als neu gewählter Kreisrichter nimmt er trotz Burn-out mit Freude wahr. Er möchte möglichst bald wieder ins Erwerbsleben einsteigen. Auf seine Bewerbungen bekam er bisher aber nur Absagen – rund 300 an der Zahl. Daniel Koster ist noch zu 100 Prozent krank geschrieben. Sein Ziel ist es, wieder als Fahrlehrer arbeiten zu können. «Das ist mein Traumberuf.» Koster verbrachte ebenfalls Zeit in einer Klinik. Dort hat er das Malen für sich entdeckt, was ihm hilft. «Jeder Betroffene hat seine eigene Geschichte, für jeden gibt es eine andere Lösung», sagt der St. Galler. «Der gemeinsame Nenner ist aber das Gespräch. Das tut jedem gut.»

Jörg Gabriel und Daniel Koster wollen deshalb eine Selbsthilfegruppe für Burn-out-Betroffene gründen (siehe Infokasten). Ziel ist es, dass sich Menschen treffen, die unter dieser Krankheit gelitten haben, immer noch leiden oder solche die ahnen, dass sie kurz davor stehen. Jörg Gabriel und Daniel Koster möchten dabei ihre Erfahrungen weitergeben, aber auch durch die Erfahrungen anderer einen Schritt weiter kommen.

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