«Mitarbeiter sind zu Unrecht angefeindet worden»

In Uzwil wird 2015 als jenes Jahr in Erinnerung bleiben, in welchem das Gemeindepersonal während dreier Monate jede Woche zwei Stunden länger arbeiten musste als gewohnt. Im Jahresrückblick-Interview sagt Gemeindepräsident Lucas Keel, dass die Kritik auf diese Massnahme heftiger ausgefallen ist als erwartet.

Simon Dudle
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«Differenzen muss man austragen», sagt der Uzwiler Gemeindepräsident Lucas Keel rückblickend. (Bild: Ralph Ribi)

«Differenzen muss man austragen», sagt der Uzwiler Gemeindepräsident Lucas Keel rückblickend. (Bild: Ralph Ribi)

Herr Keel, das Jahr 2015 geht morgen zu Ende. Was bleibt haften?

Lucas Keel: Es war das Jahr der Spatenstiche. Innerhalb von zwei Monaten gingen vier grosse öffentliche und private Bauvorhaben an den Start. Das Gemeindehaus, die Werkstätten des Buecherwäldli, die Überbauung Zahnershueb und die Erweiterung der Sportanlage Rüti plus. Haften bleiben auch konstruktive und harte Dialoge rund um die Entwicklung des Zentrums von Uzwil. Wir kommen in kleinen Schritten vorwärts.

Anfang Jahr mussten die Mitarbeiter der Verwaltung pro Woche zwei Stunden länger arbeiten. Was hat die Massnahme gebracht?

Keel: Mit dem Entscheid der Nationalbank verteuerte sich die Produktion in der Schweiz auf einen Schlag um bis zu 15 Prozent. Unternehmen, die im Euroraum Aufträge holen wollten, mussten ihren Kunden erklären, wie sie Preisangebote halten können. Sonst müsste der Kunde ja annehmen, dass man so grosse Gewinnmargen hat. Was tut da ein Unternehmen? Es wälzt den Kostendruck auf die Lieferanten ab. Es steigert die Produktivität durch technische Lösungen und durch Mehrarbeit. Und wenn die öffentliche Hand sich zusätzlich engagiert, unterstützt das die Glaubwürdigkeit der Argumente jener, die Schweizer Produkte im Ausland verkaufen. Aufgrund von Rückmeldungen dürfen wir annehmen, dass Uzwil das gelungen ist.

Trotzdem erntete diese Massnahme viel Kritik. Ist diese heftiger als erwartet ausgefallen?

Keel: Ja. Dass unsere Unternehmen im Ausland Geld verdienen müssen, um es hier in der Schweiz, in Uzwil als Löhne und Steuern auszubezahlen und so auch öffentliche Aufgaben zu finanzieren, das konnten wir nicht rüberbringen. Allerdings staune ich schon: Da kann ein anderer Stadtpräsident schulterzuckend im Fernsehen kommentieren, dass ein Betrieb 200 Menschen entlasse. Die erste Frage, die ich in derselben Sendung beantworten muss: Uzwil hat die Arbeitszeit für drei Monate von 42 auf 44 Stunden erhöht. Wie geht es Ihren Mitarbeitenden? Solidarität ist offenbar nicht nur ein schwieriges Wort.

Der starke Franken drückt auch zum Jahresende noch immer: Würden und werden Sie diese Massnahme wieder treffen?

Keel: Der Entscheid des Gemeinderats stand im Zusammenhang mit der Aufhebung der Kursuntergrenze. Ich glaube nicht, dass das so wieder kommt. Etwas, das gegen diese Massnahme spricht, ist, dass unsere Mitarbeitenden zu Unrecht angefeindet wurden. Sie mussten einen Teil der Kritik ertragen, das tut mir leid. Zu Unrecht deshalb, weil man nur mit einer guten Mannschaft mutige Entscheide treffen kann und weil unsere Leute einen sehr guten Job gemacht haben.

Wegen tiefer Steuereinnahmen wird mit einem Verlust von 1,4 Millionen Franken gerechnet. Wurden Hausaufgaben nicht gemacht?

Keel: Abgerechnet wird am Schluss. In sechs Wochen wissen wir, wie das Rechnungsergebnis 2015 aussieht.

Es gibt nun einen Investitionsstop, und die Eishalle kann erst später saniert werden. Was bedeutet diese Massnahme sonst noch?

Keel: Normalerweise investiert Uzwil in den Unterhalt von Strassen und Schulbauten jedes Jahr Millionenbeträge. Der Stop bedeutet, dass die bestehende Infrastruktur ihren Dienst noch länger tun muss. Zudem laufen aktuell so viele Projekte, dass es jetzt keine neuen braucht.

2015 stand im Zeichen der Flüchtlinge: Wie ist die Situation momentan in Uzwil?

Keel: Die aktuelle Situation haben wir im Griff. Mich sorgen der nächste Frühling und die langfristige Herausforderung, die Menschen gesellschaftlich und wirtschaftlich zu integrieren. Die Zivilschutzanlage am Marktplatz ist auf Stand-by und käme zum Einsatz, wenn die Bundeszentren an der Grenze überlaufen.

Was hat sich 2015 verbessert?

Keel: Im Bereich Sicherheit hatten wir so wenige Probleme wie schon lange nicht mehr. In gewissen Rankings haben wir unerklärliche Sprünge nach vorne gemacht. Es gibt viele Gründe zur Freude, etwa die Entwicklung der Kindertagesstätte Rägeboge. Der Begegnungsplatz am Marktplatz ist gelungen. Alte Bauten werden saniert, durch neue ersetzt. Die IG Sport hat sich etabliert und nimmt ihre Rolle gut wahr.

Sie sind ein Gemeindepräsident mit Visionen. Welche sind 2015 der Realität angenähert worden?

Keel: Uzwil ist eine funktionale, eine zweckmässige Gemeinde. Diese Vorzüge gilt es anzureichern mit Sinn für Ästhetik, Grünraum, auch für eine verträgliche Ornamentik. Wenn man das einfordert, kann das Differenzen mit Investoren geben. Diese muss man austragen. Letztlich gewinnen jedoch alle, weil das auch dem Status eines Orts gut tut. Wenn man im Innern verdichtet, muss der Freiraum umso besser sein.

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