Mit Schnecken rechnen lernen – in der Mosaikschule bei Flawil bauen die Schüler eigenes Gemüse an

Die Mosaikschule in Burgau bei Flawil ist die erste Ackerschule der Ostschweiz. Die Verantwortlichen setzen auf naturverbundenes und nachhaltiges Lernen. Das Individuum steht im Vordergrund.

Florian Osterwalder
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Schülerinnen der Mosaikschule bewirtschaften den schuleigenen Acker.

Schülerinnen der Mosaikschule bewirtschaften den schuleigenen Acker.

Bild: PD

Die Mosaikschule liegt im idyllischen Weiler Burgau, etwas ausserhalb von Flawil. Vor dem Eingang der Schule thront ein riesiger schattenspendender Baum, eine saftige grüne Wiese mit zwei Fussballtoren und seit Anfang 2020 einen Gemüseacker mit einem kleinen Gartenhäuschen. Seit diesem Jahr darf sich die Mosaikschule «erste Acker-Schule der Ostschweiz» nennen. In Zusammenarbeit mit der «Ackerdemie-Zürich», einer Institution, die sich für Bildung und Ernährung gleichermassen einsetzt, hat die Schule auf dem Grundstück einen Acker angebaut. Auf diesem wächst verschiedenes Gemüse wie Mangold, Zwiebeln, Kohlrabi, Palmkohl oder Kartoffeln. Mittlerweile gibt es mehr als 400 Acker-Lernorte in der Schweiz, Deutschland und Österreich.

Gartenarbeit und Unterricht verbinden

Der Gemüseacker soll nicht nur das umweltbewusste Denken der Schüler fördern, sondern auch in den Unterricht miteinbezogen werden. Zum Beispiel bei Mathematikaufgaben. So haben die Lehrer mit den Mittelstufenschülern eine Statistik gemacht, welche Pflanzen und Gemüsesorten stärker vom Schneckenbefall betroffen waren und welche weniger stark. Die Unterstufenschüler durften Schnecken auf dem Acker sammeln und danach zählen und zusammenrechnen. So wurden Gartenarbeit und Mathematik miteinander verbunden.

Auf einer spielerischen Ebene nachhaltig lernen – das ist die Idee, welche die Mosaikschule mit ihrem Acker verfolgt. «Die Schüler haben schon selbst Salate für das Mittagessen aus dem schuleigenen Acker gepflückt und danach gemeinsam gerüstet und gegessen», sagt die sichtlich stolze Anja Aemisegger, stellvertretende Schulleiterin an der Mosaikschule. Ein weiteres längerfristiges Ziel der Schule sei es, selbst Saatgut zu gewinnen, um wieder neues Gemüse anpflanzen zu können.

Zwischen Freiräumen und Lehrplan 21

Die Mosaikschule bietet Kindern die Möglichkeit, sich so frei wie möglich zu entwickeln. Hat ein Schüler Schwierigkeiten mit einer Fremdsprache, zum Beispiel Französisch, wird dieses Fach nicht stur durchgeboxt. Stattdessen wird dann auf eine spielerische Weise Wortschatz geübt. «Insgesamt lernen die Schüler so vielleicht ein bisschen weniger Stoff als an der Volksschule, dafür umso nachhaltiger», ist Anja Aemisegger überzeugt.

«Wir möchten an unserer Schule kein Bulimie-Lernen.»

Darunter versteht Aemisegger, dass man den Stoff kurz vor der Prüfung ins Kurzzeitgedächtnis «reinbuttert» und danach gleich wieder vergisst. Für einige Kinder, die hier zur Schule gehen, war ihr bisheriges Schulleben oft ein Zwang. Aemisegger sagt: «Manche Kinder kommen zu uns, weil es in der normalen Volksschule für sie nicht mehr gepasst hat.» Das kann verschiedene Gründe haben: Zum Beispiel, weil der Stoff für sie zu schnell vermittelt wurde und sie nicht mehr nachgekommen sind. Auch hochbegabte Kinder, die in der herkömmlichen Schule auffällig wurden, weil es ihnen zu langweilig war sind an der Mosaikschule.

Für andere Kinder bietet die Privatschule Rahmenbedingungen, die für sie passender sind. Etwa die Hälfte der Schüler an der Mosaikschule besuchten in ihrem Leben noch nie die Volksschule. Aemisegger sagt: «Es steckt auch eine gewisse Lebensphilosophie der Eltern dahinter. Sie haben selbst schlechte Erfahrungen gemacht und schicken ihre Kinder zu uns.» Manchmal stecke auch die Überzeugung hinter dem Entscheid, dass das normale Schulsystem nicht mehr zeitgemäss ist.

Auf einer spielerischen Ebene nachhaltig Lernen.

Auf einer spielerischen Ebene nachhaltig Lernen.

Bild: PD

Kreativität und vernetztes Denken fördern

Doch was unterscheidet die Mosaikschule von anderen Privatschulen wie der Rudolf-Steiner-Schule oder einer Montessori-Schule? «Wir passen die Pädagogik dem Entwicklungsstand des Kindes an», erklärt Aemisegger. Das bedeutet: Der Unterricht ist dem jeweiligen Individuum angepasst. Trotz alldem muss sich auch die Mosaikschule gegenüber dem Kanton und dem Lehrplan 21 rechtfertigen. Regelmässig kommt ein Bildungsbeauftragter des Kantons in die Schule, setzt sich ins Klassenzimmer und wohnt dem Unterricht bei.

Die meisten Lehrer der Privatschule haben die Pädagogische Hochschule absolviert und waren einmal als Lehrerin oder Lehrer an einer Volksschule tätig. Unter einer Privatschule stellen sich viele Leute eine Elite -Schule vor, in der das Kind auf Hochleistung getrimmt wird. Doch für die Verantwortlichen der Mosaikschule stehen andere Werte im Vordergrund. Sie möchten Kreativität, vernetztes Denken und Empathie fördern.

Ab August 2020 auch eine Oberstufenklasse

Nicht jedes Kind wird an der Privatschule aufgenommen. Eine gute und starke Zusammenarbeit zwischen Lehrerschaft und Eltern ist Grundvoraussetzung, um an der Schule aufgenommen zu werden. «Wir haben effektiv mehr Anfragen als wir Kinder aufnehmen können», sagt Anja Aemisegger. In der Regel besteht eine Klasse aus etwa zwölf Kindern. Unterrichtet wird vom Kindergartenalter bis zur Oberstufe. Ab dem kommenden August gibt es an der Schule das erste Mal eine Oberstufenklasse. Das Schulgeld, dass etwa 1000.- Franken im Monat beträgt, wird von den Eltern übernommen. Die Einrichtungen der Klassenzimmer kommen zum Teil aus Volksschulen, die neues Material angeschafft haben und das alte weggeworfen hätten. Doch was treibt die Lehrer an, an einer Privatschule wie der Mosaikschule zu unterrichten? Für Anja Aemisegger ist es eindeutig:

«Das normale Volksschulkonzept funktionierte für mich einfach nicht mehr. An der Mosaikschule stehe ich zu hundert Prozent hinter meiner Arbeit als Lehrerin.»

Auch wenn sie eine Lohneinbusse von bis zu zwei Drittel von ihrem normalen Verdienst habe, sei die Zufriedenheit in ihrer jetzigen Tätigkeit viel grösser, denn als Lehrerin an der Volksschule. Getragen wird die Schule durch einen Elternverein. Auch die administrativen Arbeiten werden vom Verein übernommen. Aemisegger sieht vor allem in den kürzeren Kommunikationswegen einen grossen Vorteil: «Die Entscheidungsketten sind wesentlich kürzer zwischen Pädagogik und Administration. Jeder entscheidet für sein Ressort und akzeptiert und unterstütz die Entscheidungen des anderen.»