Mit Kartoffeln «Heimat» servieren

Zwischen den ewiggelben «modernen» und den kunterbunten «alten» Kartoffelsorten tut sich ein zweiter Röstigraben auf. Trotzdem fällt es der Kartoffelbranche schwer, sich mit den Knollen von damals anzufreunden. Warum?

Ursula Ammann
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FLAWIL. «Heute züchtet man Kartoffeln auf 20 Eigenschaften und vernachlässigt dabei 100 andere positive Merkmale, die in Zukunft von Bedeutung sein könnten», betont Christoph Gämperli, Agronom am Landwirtschaftlichen Zentrum in Flawil und Geschäftsführer der St. Galler Saatzuchtgenossenschaft. Merkmale, wie sie alte Kartoffelsorten noch in sich tragen: Etwa kürzere Vegetationszeiten, Trockenheitsresistenz oder die Fähigkeit, in höheren Lagen zu gedeihen. Ein gutes Beispiel für letzteres ist die «Parli», eine der ältesten Sorten in der Schweiz. Parli wurde im Kanton Graubünden während der vergangenen 200 Jahre immer wieder angebaut. Die rund 30 «modernen» Sorten auf der Schweizerischen Sortenliste (siehe Kasten) wachsen hingegen meist unter 600 Metern über Meer.

Farbe in der Röschti

«Wir testen jedes Jahr viele neue Kartoffelsorten», sagt Ernst König, Geschäftsführer der Organisation Swisspatat. Dazu diene ein Katalog mit mehreren Dutzend Kriterien, wobei eine neue Sorte möglichst allen Kriterien genügen müsse (siehe Stichwort). «Alte Sorten sind im Anbau wirtschaftlich meist weniger interessant für die Produzenten als moderne Züchtungen», so König. Beispielsweise falle der Ertrag bei diesen geringer aus, nicht zuletzt weil alte Sorten anfälliger auf Krankheiten seien. Swisspatat schätze aber die Bemühungen der Nischenproduzenten, mit alten Sorten eine Vielfalt zu schaffen.

Mit solchen Nischenproduzenten arbeitet Christoph Gämperli im Rahmen seiner Genossenschaftstätigkeit zusammen (siehe Kasten). Vor einigen Jahren hat er selbst eine neue Sorte gezüchtet – die Blaue St. Galler –, die nun auch in der Region Fürstenland angebaut wird: Weil diese Kartoffel bei der Zubereitung ihre volle Farbkraft bewahrt, wurde sie sogar zum Rohstoff für blaue Pommes Chips (Wiler Zeitung vom 16. August 2008). Gämperli ist überzeugt, dass der Konsument etwas mehr Farbtupfer in den Kartoffelgerichten schätzen würde. «In den Anden, wo die Kartoffel ihren Ursprung hat, ist es ganz alltäglich, dass Kartoffeln in allen Formen und Farben auf die Teller finden», sagt Gämperli.

Das Gefühl isst mit

«Lebensmittel können ein Gefühl der Heimat und Identität vermitteln», sagt der Agronom. Wenn dem Konsumenten auch die Geschichte hinter den Lebensmitteln schmackhaft gemacht werden könne, habe man schon viel erreicht. Generell zeige sich die Bereitschaft, mehr für ein Lebensmittel zu bezahlen, wenn man dessen Herkunft kenne, ja schon. Wenn jemand also beim Essen einer Parli die schönen Bündner Bergtäler vor seinem inneren Auge vorbeirauschen sieht, ist ihm dies etwas wert. Dieses Bewusstsein dürfe aber noch gefördert werden, sagt Gämperli. «Wir müssen unseren Lebensmitteln einfach eine Seele geben.»