Mit Hermann Hesse gewandelt

Vera Bauer liess in der Gemeindebibliothek Flawil den berühmten Dichter eindrücklich auferstehen. Sie rezitierte autobiographische Textpassagen und Gedichte und untermalte diese mit unter die Haut gehendem Cellospiel.

Beatrice Oesch
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FLAWIL. «Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und uns hilft zu leben» – mit dieser Passage aus Hermann Hesses autobiographischem Werk fing Vera Bauers musikalische Lesung an, und damit schloss sie auch. Was dazwischen lag, war von solch eindringlicher Intensität, dass man im Publikum eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören.

Über 70 Personen besuchten die Gemeindebibliothek am vergangenen Freitagabend anlässlich der Schweizer Erzählnacht und übertrafen die Erwartungen des Bibliotheksteams bei weitem. Beginnend in Hermann Hesses Kindheit, beleuchtete Vera Bauer anhand von Gedichten, eines Romanausschnitts und mehreren Briefen seine Entwicklung, Wandlung, sein Protestieren und sich Quälen. Dabei zeigte sie den vor 50 Jahren verstorbenen Dichter von einer ungewohnten, intimen Seite. Gleichzeitig liess sie ihre Zuhörerinnen und Zuhörer in schalkhafter Selbsterkenntnis und sinnlichen Lebensweisheiten des «ewig Suchenden» schwelgen.

Eigenkompositionen und Bach

Eine zusätzliche Dimension verlieh Vera Bauer ihren Rezitationen mit ihrem virtuosen Cellospiel. Mal als Abgrenzung, dann wieder als Verbindung oder Untermalung, gestrichen und gezupft, entlockte sie ihrem Violoncello zum Text passende Klänge. Dabei griff sie in ihrem Repertoire auf Eigenkompositionen, Bach-Suiten und sogar das Kinderlied «Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann» zurück. So schuf sie ein lebendiges, berührendes Porträt des Dichters, seiner Persönlichkeit und seines Werks.

Diese literarisch-musikalischen Leckerbissen quittierte das Publikum mit einem langen, begeisterten Applaus. Eine Zuschauerin fasste in Worte, was wohl viele dachten: «Das war überwältigend.»

Dramatik eines Bühnenstücks

Vera Bauer ist bei Stuttgart aufgewachsen und lebt seit 1992 in der Schweiz. Sie ist Rezitatorin, Instrumental-Lehrerin und Bühnenmusikerin. 2010 wurde ihr der Kulturpreis Oberrieden verliehen. Beim Apéro und dem gemütlichen Beisammensein nach dem Auftritt war sie eine sehr gefragte Gesprächspartnerin. Für die Wiler Zeitung verriet die Künstlerin, wie sie es schaffte, ihre musikalische Lesung so eindringlich zu gestalten: «Da ich das Glück der freien Textwahl habe, wähle ich natürlich Passagen aus, in denen ich mich wiedererkennen und in die ich mich hinein fühlen kann. Das überträgt sich dann auf das Publikum.» Nach kurzem Überlegen fügte sie lächelnd hinzu: «Mein Ziel ist erreicht, wenn ich die Dramatik eines Bühnenstücks kreieren kann.»

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